Spiegel

sitting-bull-neonaziSchon sinkt die Sonne am Little Bighorn River, als Häuptling Grüne Schlange vom Stamm der Mannichl-Indianer den Vorhang am Tipi beiseite schiebt, in den Raum eintritt und den Zylinder zum Gruße hebt: „Und Sitting Bull, großer Häuptling der Lakota-Sioux, hast du dir die Sache nicht vielleicht doch überlegt? Willst du nicht aus der Szene aussteigen?

Nein, Grüne Schlange, der Kampf gegen die Bleichgesichter ist beschlossene Sache!“ Stur blickt er in das flackernde Feuer. Grüne Schlange belehrt: „Das heißt nicht ,Bleichgesicht’, sondern ,Weißer‘!“, kramt in seiner Aldi-Tüte und wirft die Zeitung „The Reflector“ vor Sittings Füße. Dann zündet er sich genüßlich eine Friedenspfeife an. „Da lies, was über euch geschrieben wird.“ Sitting Bull brummelt etwas von „Hetzjournaille“ und „Presselügen“, nimmt aber das Journal in die rauhen Hände, blättert, sieht ein schlecht gestelltes Bild von sich mit offenem Brüllmaul, verpopeltem Schnauzbart und fanatisch entstellten Augen und liest leise mitsprechend die daneben gedruckten Zeilen:

Neonazihetze bleibt ungesühnt
Black Hills – Der Neonaziführer Sitting Bull hetzt unverblümt weiter gegen unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund. Er will die gewalttätige Indianerszene zum Kampf gegen unsere friedliche Demokratie zusammenrotten und plant einen Terrorakt gegen die verfassungsmäßige Ordnung. Die Ewiggestrigen fordern einen Staat nach Häuptlingsprinzip, ein Regime der Ungleichheit. Erinnert sei daran, daß sie heimtückisch Brandanschläge auf Wohnhäuser von Migranten verüben und alles, was sie in ihrem rassistischen Wahn als fremd definieren, aus Amerika vertreiben wollen. Aber: Keine Freiheit den Feinden der Freiheit! General George Armstrong Custer von der Stiftung für Demokratie und Toleranz fordert, dem braunen Spuk endlich ein Ende zu bereiten…

Sitting Bull schlägt das Journal zu und wirft es ins Feuer. „Olle Kamellen! Wir kämpfen für unsere Freiheit!“ Flammen fressen sich durch das Papier. Grüne Schlange wirft einen mitleidigen Blick auf die nicht mehr zu rettende Zeitschrift und höhnt: „Welche Freiheit? Im braunen Sumpf zu hocken und gegen Ausländer zu hetzen? Jeder hat ein Recht, sich dort niederzulassen, wo es ihm beliebt, auch in den Black Hills! Das ist Freiheit! Und Freiheit ist, die Welt genießen zu können!“ Er holt mit geübtem Griff eine Flasche Whisky aus der knisternden Tüte, genehmigt sich einen tiefen Schluck und hält die Pulle fröhlich in die Höhe: „Carpe diem! Genieße das Leben!

Ha, Leben, es geht um uns, um unsere Kinder!“. Sitting Bull streicht sich unwirsch über den kleinen Schnauzer. Grüne Schlange kichert: „Ach, die Kinder wachsen mit dem Fortschritt auf. Sie gehen in die Städte und leben in kultureller Vielfalt statt in brauner Einfalt! Multikultur macht ihnen Spaß! Sie passen sich den neuen Mitbürgern an, es herrscht Friede. Und du chauvinistischer Revanchist willst Krieg!

Sitting Bull lächelt nachsichtig: „Du wirst von ihnen bezahlt, bekommst deine Drogen und deine bunten Glasperlen und glaubst, damit könne man überleben. Nein, du wirst nicht überleben. Es geht um das Überleben unserer Rasse. 14words und so!“ Der Häuptling der Mannichl-Indianer setzt seine Flasche erneut an, läßt den Inhalt genüßlich in seinen Magen gluckern und atmet befreit: „Zum Glück bin ich ein weltoffener Mensch und kein elender Rassist!

Sitting Bull wird nun etwas eindringlicher: „Pah, Rassist, wer achtet denn das Heimatrecht der Anderen nicht? Zunächst kamen Wenige. Ja, ich weiß: Fremde brauchen Freunde! Aber nein, die meisten wollten keine Freundschaft, wollten sich nicht integrieren, sondern ihre eigene Kultur hierherpflanzen. Ja, sie sind Wirtschaftsflüchtlinge, sie gieren nach Gold. Es mögen auch politisch oder sexuell Verfolgte dabei sein, aber wir wurden nie gefragt…

Grüne Schlange fällt ins Wort: „Na und, selbst wenn, nur wenige Indianer wollen sie alle wieder abschieben. Es geht dem gut, der sich den Gegebenheiten anpaßt! Und fast alle haben sich arrangiert!“ Sitting erwidert: „Ja, dank der Propaganda. Ihr seid Gutmenschen, wollt den Fremden nur Gutes. Ihr denkt dabei aber doch bloß an euch und euer schlechtes Gewissen, welches euch eingeredet wird. Und sie lachen über eure Doofheit! Ja, ihr lebt gut, ohne Verpflichtung. Aber unser Erbe ist Verpflichtung für die Zukunft!

Grüne Schlange steht empört auf und distanziert sich umgehend: „Du und deine braune Bande seid Ewiggestrige, aber das Gestern ist vorbei! Ihr seid ultraextremistische Rattenfänger, aber wir Indianer, Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, wollen keine Ratten mehr essen, sondern Hotdogs und Hamburger. Jede Zeitung schreibt es: Ihr seid versoffene, unterbelichtete Schläger, verbohrt und unbelehrbar, getrieben vom Neid, geküßt vom Pech, Loser der schlimmsten Sorte.“ Er nimmt den letzten Hieb aus der Flasche, wirft sie in eine Ecke und verläßt verärgert das Zelt.

Am nächsten Tag tobt die Schlacht am Little Big Horn. Sitting Bull und seine Getreuen siegen, die Gegner werden brutal skalpiert. Bis auf General George Armstrong Custer. Das liegt wohl daran, daß Custer nur noch ein für einen Skalp nicht lohnendes, schütteres Haupthaar besitzt.

Zum 50. Jahrestag der Schlacht findet im Sommer 1926 als angekündigtes Medienspektakel ein Versöhnungsfest auf dem ehemaligen Schlachtfeld statt, zu dem Historiker und in den Reservaten lebende Häuptlinge als Gäste eingeladen werden. Zuschauer aus allen Teilen des Landes können mit ermäßigten „General-Custer-Bahn-Tickets“ zum Ereignis reisen. Ein Spezialgast (Superstar) ist der Enkel von Sitting Bull. Dieser sorgt jedoch für einen Eklat, welcher in der freien Presse tunlichst verschwiegen wird. Er legt eine Anzahl von Dollarscheinen auf das Rednerpult und sagt: „Die weißen Männer, die mich hierher geladen haben, haben mich gebeten, einige versöhnliche Worte zu sagen. Ich kann den weißen Männern, die von mir für Dollars versöhnliche Worte zu hören wünschen, solche Worte nicht sagen. Damit würde ich das Andenken meines Großvaters schänden. Ich gebe das Geld zurück. Es liegt hier. Wer es haben will, kann es sich nehmen.

Ob der Enkel Sitting Bulls für diese politisch unkorrekte Frechheit wegen Volksverhetzung angeklagt wurde, ist nicht überliefert.