Volksverhetzer

Es macht mehr Spaß, Täter als Opfer zu sein.“ [1]
Henryk M. Broder, Publizist
faschismus_blasphemie_keine_meinung_sondern_verbrechen

Können Sie sich das vorstellen? Angeklagt ist eine Person wegen Volksverhetzung und ein gebührenfinanzierter deutscher Radiosender, eine „Körperschaft des öffentlichen Rechts“, spricht von „Schauprozeß“, „absurdes Theaterstück“ und „dieser Prozess kommt uns wie eine Farce vor“ [2]. Der Sender zitiert den Staatsanwalt, der selbst zugegeben haben soll, „dieser Prozess sei ein politisch bestellter Fall und deswegen müsse er ihn so durchziehen“. Und der Sender interviewt ausführlich und liebevoll den mutmaßlichen „Volksverhetzer“ [3].

Dieser behauptet dann zur besten Sendezeit, der Prozeß funktioniere „wie eine Matrioschka“. In den Vordergrund würden „aufgehetzte Leute“ gestellt, die öffentlich bekunden, in ihren Gefühlen verletzt worden zu sein und „die sich beleidigt fühlen“. Dahinter stünden jedoch Fanatiker, die in Parteien organisiert sind. „Und dahinter stehen wieder andere, die das Geld geben und dafür bezahlen. Das Ganze ist sozusagen eine vielstufige Komposition“, die nur dazu dienen solle, die Menschen und ihre Tätigkeiten „in irgendeiner Weise zu regulieren“. Obwohl noch kein Urteil gefällt wurde, behauptete der Angeklagte im Interview, „dieser Prozess ist schon vorentschieden worden“. Auch der Mitarbeiter des Radiosenders pflichtet bei: „Ein fairer Prozess kann das nun keinesfalls sein, den man Ihnen macht.

Hatte die Zivilgesellschaft nicht im Fall Bodo Thießen bzw. seiner Piratenpartei jüngst gelernt, daß, wer sich für die Meinungsfreiheit auch von „Volksverhetzern“ und deren Sympathisanten einsetzt oder sich nicht sofort von deren Meinungen öffentlich distanziert, unweigerlich selbst auf der Abschußliste landet? So wurde in Bezug auf Thießen von mehreren Seiten die Anwendung des § 130 StGB „Volksverhetzung“ diskutiert und die Piratenpartei in ein einschlägiges Gesamtlicht gerückt.

Allerdings ist der Eklat eines Radiosenders denn doch kein Eklat, denn es handelt sich um einen russischen „Volksverhetzer“, und hier wird nicht ein Rechter von Linken, sondern ein Linker von Rechten angeklagt. Unter den russischen Volksverhetzungsparagraphen fällt etwa die „Aufwiegelung von religiösem Haß“. Vor dem russischen Kadi stehen der Kurator Andrej Jerofejew und der inzwischen abgesetzte Leiter des Sacharow-Zentrums, Jurij Samodurow, in Moskau wegen einer Kunstausstellung. „Es war eine kleine Ausstellung, die ungefähr 24 Exponate enthielt, und es ging da um Ausstellungsstücke, die aus anderen Ausstellungen entfernt worden waren.“ Die Darstellungen behandelten Themen wie „Jesus als Micky Maus und Lenin am Kreuz“ [4]. „Ich wollte damit dokumentieren, dass, obwohl… die Zensur verboten ist, dass sie dennoch existiert.“ Dabei hatte schon Christiane Florin im Rheinischen Merkur vor Monaten eindeutig festgestellt: „Ein Staat, der klar sagt, was er nicht hören will, ist kein Zensor.“ [5]

Jerofejew sieht sich dennoch als Opfer und nicht als Volksverhetzer: „Das ist so eine Tragikomödie, wie sie oft in den Sowjetzeiten schon passiert ist, und jetzt wiederholt sie sich auch in Russland.“ Nur mit dem Unterschied, daß sich andere Künstler und auch Anarchisten für ihn, den „Volksverhetzer“, und damit für die Meinungsfreiheit öffentlich einsetzen. „Bei einer Verurteilung droht Jerofejew eine Geld- oder Bewährungsstrafe, Samodurow aber bis zu fünf Jahren Haft.“ Welcher aufrechte Zeitgenosse möchte da nicht mit seinem Transparent von Berlin nach Moskau eilen, den Faschismus durchstreichen und kundtun: „Blasphemie ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“?

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[1] Jüdische Allgemeine: „Freispruch für Israel“, 17.03.2005
[2] Deutschlandradio Kultur: „Angeklagt wegen „Volksverhetzung“: Zwei Moskauer Ausstellungsmacher vor Gericht“, 09.07.2009
[3] Deutschlandradio Kultur: „Kurator Jerofejew befürchtet Verurteilung in Moskau“, 09.07.2009
[4] Süddeutsche Zeitung: „Verbotene Kunst“, 04.06.2009
[5] Rheinischer Merkur: „Dämon unter Verschluss“, 29.01.2009

Eine Antwort

  1. Sechs Gleichungen mit neun Unbekannten:

    (001) Wer die Erklärung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.

    (044) Jesus sagte: Wer den Vater lästern wird, dem wird man vergeben; wer den Sohn lästern wird, dem wird man vergeben; wer aber den heiligen Geist lästern wird, dem wird man nicht vergeben, weder auf der Erde noch im Himmel.

    (055) Jesus sagte: Wer nicht seinen Vater hasst und seine Mutter, wird mir nicht Jünger sein können. Und wer seine Brüder nicht hasst und seine Schwestern und nicht sein Kreuz trägt wie ich, wird meiner nicht würdig sein.

    (105) Jesus sagte: Wer den Vater und die Mutter kennen wird, er wird Sohn der Hure genannt werden.

    (106) Jesus sagte: Wenn ihr die zwei zu einem macht, werdet ihr Söhne des Menschen werden. Und wenn ihr sagt: „Berg, hebe dich hinweg!“, wird er verschwinden.

    (113) Seine Jünger sagten zu ihm: „Das Königreich, an welchem Tag wird es kommen?“ Jesus sagte: „Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält. Man wird nicht sagen: „Siehe hier oder siehe dort“, sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“ ***

    Sinnvolle Lösung:

    Mutter = Summe aller Ersparnisse
    Hure = Finanzkapital
    Brüder und Schwestern = Sachkapitalien
    Berg = Rentabilitätshürde
    Tod = Liquiditätsfalle
    Vater = Kreditangebot
    Sohn = Kreditnachfrage
    heiliger Geist = umlaufgesichertes Geld
    Königreich = Natürliche Wirtschaftsordnung

    Selbst wenn wir uns nur auf die obigen sechs Gleichnisse aus dem Thomas-Evangelium beschränken – existiert noch eine andere Möglichkeit, diese sinnvoll zu interpretieren? Und wie hoch ist die Restwahrscheinlichkeit für eine alternative Interpretation, wenn 10, 20, 50, 100 Gleichnisse auf die gleiche Art einen Sinn ergeben?

    Wenn wir diese eine sinnvolle Interpretation als richtig ansehen, war der Prophet Jesus von Nazareth das größte Genie aller Zeiten, und er entdeckte tatsächlich die einzig denkbare Möglichkeit, wie Menschen wirklich zivilisiert zusammenleben können: das Grundprinzip der absoluten Gerechtigkeit als Basis für die ideale Gesellschaft.

    Wäre Jesus dagegen nur der moralisierende Wanderprediger gewesen, zu dem ihn die „heilige katholische Kirche“ machte, wüssten wir heute nicht einmal, dass es jemals einen Propheten dieses Namens gegeben hat! Denn die „Moral“ ist eine irrelevante Größe: solange es möglich ist, einen unverdienten Knappheitsgewinn auf Kosten der Mehrarbeit anderer (Frucht vom Baum der Erkenntnis) zu erzielen, weil eine fehlerhafte Geld- und Bodenordnung die Gesellschaft zwangsläufig in Zinsgewinner und Zinsverlierer unterteilt, wäre selbst dann, wenn alle Menschen grundehrlich und auch noch hyperintelligent wären, der nächste Krieg – zwecks umfassender Sachkapitalzerstörung – unvermeidlich. Andererseits: sind – durch eine konstruktive Geldumlaufsicherung und ein allgemeines Bodennutzungsrecht – leistungslose Kapitaleinkommen eigendynamisch eliminiert, bedeutet es prinzipiell das Beste für alle, wenn jeder Einzelne nur das Beste für sich anstrebt. Der Moralbegriff löst sich auf.

    Der Krieg konnte nur solange der Vater aller Dinge sein, wie es noch keine Atomwaffen gab!

    *** „Die Wirtschaftsordnung, von der hier die Rede ist, kann nur insofern eine natürliche genannt werden, da sie der Natur des Menschen angepasst ist. Es handelt sich also nicht um eine Ordnung, die sich etwa von selbst, als Naturprodukt einstellt. Eine solche Ordnung gibt es überhaupt nicht, denn immer ist die Ordnung, die wir uns geben, eine Tat, und zwar eine bewusste und gewollte Tat.“

    Silvio Gesell, Herbst 1918, Vorwort zur 3. Auflage der NWO

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