Homo metropolis

Wir werden aufwachen und feststellen, daß wir von Leuten mit Ellbogen gestoßen oder sogar ganz beiseite geschoben werden, auf die wir herabgesehen haben und von denen wir gedacht haben, sie ständen für immer zu unseren Diensten. Der einzige Trost wird sein,
daß der Wandel unvermeidbar gewesen ist.
“ [1]
Charles Henry Pearson, 1893

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Thematisierten wir in unseren letzten Beiträgen „Bilanz der Verblödung“ und „Abgesang der Spaßgeneration“ den Verfall Europas und seiner staatlichen Organisationsstrukturen aus demographischer und volkswirtschaftlicher Sicht, so wollen wir uns nun dem „letzten Menschen“ widmen, wie er vom Kulturphilosophen Oswald Spengler beschrieben wurde. Allerdings ist die Bezeichnung „letzter Mensch“ nicht treffend, sie umreißt hier lediglich die Erscheinung jener bindungslosen Generation, die in untergehenden Kulturvölkern den Stab abgibt an festgefügte, archaische Gemeinschaften, welche als vermeintlich „unzivilisierte Barbaren“ die brauchbaren Reste der sterbenden Zivilisation übernehmen, um mit diesen zu eigener Kulturhöhe und Macht aufzusteigen.

Spengler spricht vom „Steinkoloß Weltstadt“, der „am Ende des Lebenslaufes einer jeden großen Kultur“ stünde. „Ihr Bild, wie es sich mit seiner großartigen Schönheit in die Lichtwelt des menschlichen Auges zeichnet, enthält die ganze erhabene Todessymbolik des endgültig ,Gewordenen’.“ Irgendwann beginne die Entvölkerung der Städte, die auch durch Landflucht und Einwanderung nicht aufgehalten werden könne: „Die ganze Pyramide des kulturfähigen Menschentums verschwindet. … Nur das primitive Blut bleibt zuletzt übrig, aber seiner starken und zukunftreichen Elemente beraubt. Es entsteht der Typus des Fellachen.“ Jahrhunderte später künden „die leerstehenden Riesenstädte, in deren Steinmassen eine kleine Fellachenbevölkerung nicht anders haust als die Menschen der Steinzeit in Höhlen und Pfahlbauten,“ als erzenes Dokument einer untergegangen Welt.

Der Schrei der zivilisierten Massengesellschaft nach „Freiheit“ ist die Forderung nach einer Befreiung aus den als Fesseln empfundenen gesellschaftlichen und persönlichen Umständen, in die das Individuum hineingeboren wurde, mithin eine Forderung nach Entgrenzung und damit einer Auflösung jener Gemeinschaftsstrukturen, welche erst zur Kulturhöhe und zur Bequemlichkeit einer Zivilisation führten. Doch auch der neueste Mode-Chic, die ausgefallenste Punkfrisur, die provokanteste Bomberjacke oder die schrillste Sexualvorliebe können die Beliebigkeit des Individuums nicht übertünchen, das in der anonymen Masse eine beachtete Persönlichkeit sein möchte. Die entwurzelten Geschöpfe neigen zwar zu neuer Gruppenbildung in Banden, Cliquen, Clans, Logen und Szenen, in ihrer Verhaftung zur Zivilisation bilden diese Individuen der Massengesellschaft jedoch „eine unübersehbare Menge ähnlicher und gleicher Menschen, die sich rastlos um sich selbst drehen, um sich kleine und gewöhnliche Freuden zu verschaffen, die ihr Herz ausfüllen.“ [3]

Und nun geht aus der Tatsache, daß das Dasein immer wurzelloser, das Wachsein immer angespannter wird, endlich jene Erscheinung hervor, die im stillen längst vorbereitet war und jetzt plötzlich in das helle Licht der Geschichte rückt, um dem ganzen Schauspiel ein Ende zu bereiten: die Unfruchtbarkeit des zivilisierten Menschen. Es handelt sich hier nicht um etwas, das sich mit alltäglicher Kausalität, etwa physiologisch, begreifen ließe, wie es die moderne Wissenschaft selbstverständlich versucht hat. Hier liegt eine durchaus metaphysische Wendung zum Tode vor. Der letzte Mensch der Weltstädte will nicht mehr leben, wohl als einzelner, aber nicht als Typus, als Menge; in diesem Gesamtwesen erlischt die Furcht vor dem Tode.

Das, was den echten Bauern mit einer tiefen und unerklärlichen Angst befällt, der Gedanke an das Aussterben der Familie und des Namens, hat seinen Sinn verloren. Die Fortdauer des verwandten Blutes innerhalb der sichtbaren Welt wird nicht mehr als Pflicht dieses Blutes, das Los, der Letzte zu sein, nicht mehr als Verhängnis empfunden. Nicht nur weil Kinder unmöglich geworden sind, sondern vor allem weil die bis zum äußersten gesteigerte Intelligenz keine Gründe für ihr Vorhandensein mehr findet, bleiben sie aus.

Man versenke sich in die Seele eines Bauern, der von Urzeiten her auf seiner Scholle sitzt oder von ihr Besitz ergriffen hat, um dort mit seinem Blute zu haften. Er wurzelt hier als der Enkel von Ahnen und der Ahn von künftigen Enkeln. Sein Haus, sein Eigentum: das bedeutet hier nicht ein flüchtiges Zusammengehören von Leib und Gut für eine kurze Spanne von Jahren, sondern ein dauerndes und inniges Verbundensein von ewigem Land und ewigem Blute: erst damit, erst aus dem Seßhaftwerden im mystischen Sinne erhalten die großen Epochen des Kreislaufs, Zeugung, Geburt und Tod jenen metaphysischen Zauber, der seinen sinnbildlichen Niederschlag in Sitte und Religion aller landfesten Bevölkerungen findet. Das alles ist für den „letzten Menschen“ nicht mehr vorhanden.

Intelligenz und Unfruchtbarkeit sind in alten Familien, alten Völkern, alten Kulturen nicht nur deshalb verbunden, weil innerhalb jedes einzelnen Mikrokosmos die über alles Maß angespannte tierhafte Lebensseite die pflanzenhafte aufzehrt, sondern weil das Wachsein die Gewohnheit einer kausalen Regelung des Daseins annimmt. Was der Verstandesmensch mit einem äußerst bezeichnenden Ausdruck Naturtrieb nennt, wird von ihm nicht nur „kausal“ erkannt, sondern auch gewertet und findet im Kreise seiner übrigen Bedürfnisse den angemessenen Platz.

Die große Wendung tritt ein, sobald es im alltäglichen Denken einer hochkultivierten Bevölkerung für das Vorhandensein von Kindern „Gründe“ gibt. Die Natur kennt keine Gründe. Überall, wo es wirkliches Leben gibt, herrscht eine innere organische Logik, ein „es“, ein Trieb, die vom Wachsein und dessen kausalen Verkettungen durchaus unabhängig sind und von ihm gar nicht bemerkt werden. Der Geburtenreichtum ursprünglicher Bevölkerungen ist eine Naturerscheinung, über deren Vorhandensein niemand nachdenkt, geschweige denn über ihren Nutzen oder Schaden.

Wo Gründe für Lebensfragen überhaupt ins Bewußtsein treten, da ist das Leben schon fragwürdig geworden. Da beginnt eine weise Beschränkung der Geburtenzahl – die bereits Polybios als das Verhängnis von Griechenland beklagt, die aber schon lange vor ihm in den großen Städten üblich war und in römischer Zeit einen erschreckenden Umfang angenommen hat –, die zuerst mit der materiellen Not und sehr bald überhaupt nicht mehr begründet wird.

Da beginnt denn auch, und zwar im buddhistischen Indien so gut wie in Babylon, in Rom wie in den Städten der Gegenwart, die Wahl der „Lebensgefährtin“ – der Bauer und jeder ursprüngliche Mensch wählt die Mutter seiner Kinder – ein geistiges Problem zu werden. Die Ibsenehe, die „höhere geistige Gemeinschaft“ erscheint, in welcher beide Teile „frei“ sind, frei nämlich als Intelligenzen, und zwar vom pflanzenhaften Drange des Blutes, das sich fortpflanzen will; und Shaw darf den Satz aussprechen, „daß die Frau sich nicht emanzipieren kann, wenn sie nicht ihre Weiblichkeit, ihre Pflicht gegen ihren Mann, gegen ihre Kinder, gegen die Gesellschaft, gegen das Gesetz und gegen jeden, außer gegen sich selbst, von sich wirft“. [4]

Das Urweib, das Bauernweib ist Mutter. Seine ganze von Kindheit an ersehnte Bestimmung liegt in diesem Worte beschlossen. Jetzt aber taucht das Ibsenweib auf, die Kameradin, die Heldin einer ganzen weltstädtischen Literatur vom nordischen Drama bis zum Pariser Roman. Statt der Kinder haben sie seelische Konflikte, die Ehe ist eine kunstgewerbliche Aufgabe und es kommt darauf an, „sich gegenseitig zu verstehen“.

Es ist ganz gleichgültig, ob eine amerikanische Dame für ihre Kinder keinen zureichenden Grund findet, weil sie keine season versäumen will, eine Pariserin, weil sie fürchtet, daß ihr Liebhaber davongeht, oder eine Ibsenheldin, weil sie „sich selbst gehört“. Sie gehören alle sich selbst und sie sind alle unfruchtbar.

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[1] Charles Henry Pearson: „National Life and Character: a Forecast“, 1893
[2] Oswald Spengler: „Der Untergang des Abendlandes“, 2. Band, 1922
[3] Alexis de Tocqueville: „Die Demokratie in Amerika“, 1831
[4] Bernard Shaw: „Ein Ibsenbrevier. Die Quintessenz des Ibsenismus“, 1891

3 Antworten

  1. Da könnte man schon Angst kriegen.
    Deshalb bin ich heil…, sorry, klingt wie Autobahn, … also gesundheitsfroh, dass der linke Mob Spengler „widerlegt“ hat.
    Nun müssen wir nur noch die NPD verbieten und mehr FrauInnen in Führungspositionen tun, dann ist das Paradies erreicht.
    Kann jeder hier nachlesen (bitte ausreichende Menge Kotztüten bereithalten):
    http://www.zeit.de/2007/21/Falsche_Propheten?page=all
    http://www.zeit.de/2006/24/Demografie-1_xml
    http://www.zeit.de/online/2006/23/kinderlosigkeit
    http://www.zeit.de/online/2008/47/volkszaehlung-bevoelkerungsstatistik-fehler?page=all
    http://www.zeit.de/online/2008/35/demografie-europa-drama?page=all

  2. mir ist dieser kultur- bzw. antikulturskeptizismus ja absolut fremd, deshaln lese ich spengler und den ganzen beitrag als eine art denkspiel. wobei ich unwillkürlich und zum wiederholten mal bemerken muss, dass das alles beunruhigend stimmig ist, was da steht.

    gefällt mir gar nicht.

    andererseits: die enkel fechtens besser aus, folglich werden die schon selber sehen, wie sie klarkommen. unsere vorväter haben ja auch nicht jeden zweiten gedanken daran verschwendet, wie wohl die urenkel dann mal mit den hinterlassenschaften ihrer – zumeist kriegerischen – bemühungen um nachhaltigkeit klarkommen werden.

  3. Sicherlich haben die Alten nicht nur Gedanken an die zukünftige Kulturhöhe verschwendet, aber sie haben so gelebt, daß diese möglich wurde. Das Gesetz der Masse ist unumkehrbar, das ficht niemand besser aus, zumindest nicht die eigenen Enkel, nur noch fremde. Man muß sowieso erst einmal klären, was im individualisierten Zeitalter „eigene“ Enkel sind. Masse kann nur durch Abfütterung befriedet und/oder durch mitreißende Massenideologie beherrscht werden. Von daher wird mit dem wirtschaftlichen Abschwung nicht das aufgeklärte Volk oder die autarke Dorfgemeinschaft auferstehen, sondern die kollektivistische, totalitäre Massenideologie, in moderner Form nicht mehr als Biomacht, sondern als Psychomacht. Auf der eng gewordenen Welt werden auch nicht mehr die Fellachen über Jahrhunderte in Ruinen hausen, wie Spengler sagt. Diese Ruhe ist ihnen nicht mehr vergönnt. Es werden neue Fellachenherrscher kommen, und ihr Regiment wird anders aussehen als das, was das Abendland zu bieten hatte.

    Wenn es überhaupt Alternativen gibt, dann solche wie die Bildung neuer Kultur- und Schicksalsgemeinschaften.

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