Happy birthday: Deutschland vor 60 Jahren gegründet

Der Haken am Deutschtum ist ja: man kann sich noch so arg bemühen, alle Lebensgewohnheiten anzunehmen, aber wie kriegt man das deutsche Blut in die Adern?!“ [1]
Manni Manager, DKP-Haßmaskottchen
merkel_einbuergerung_truemmerfrauen

Obwohl die bayerische CSU aus Sicht der mit ihr um Parlamentssitze wetteifernden kommunistischen DKP auf der „Spitze der rassistischen Welle, die derzeit durch Medien und Politik geht gegen islamische Einwanderer“ [1] reitet, hat Schwesternparteienschwester Angela Merkel (CDU) mit einem symbolischen Akt die ausländischen Trümmerfrauen und Aktivisten der ersten Stunde geehrt. Diese haben entsprechend dem veröffentlichten Meinungskonsens nach der von Nazis verbrochenen Zerstörung der Welt den Geltungsbereich des Grundgesetzes aufgebaut und das Wirtschaftswunder eingeführt. Doch Maria Böhmer (CDU), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, vermutet trotz dieser bisherigen immensen Beglückung einen noch größeren Nibelungenhort in der Fremde: „Die Potenziale der Migranten sind oft ein verborgener Schatz, den es zu heben gilt. Deutschland feiert Geburtstag und würdigt ihre Leistung zum Aufbau und Erfolg unseres Landes.“ [2]

Sie haben richtig gelesen: Deutschland feiert Geburtstag. Eine Ansicht, der sich auch ein Hauptschriftleiter der Süddeutschen Zeitung aus München nicht verschließen kann, wenn er Deutschlands „60. Geburtstagbeschwört und feststellt: „Deutschland feiert seine Gründung.“ [3] Datierten die Nationalsozialisten das Volkwerden der Deutschen noch auf die Bewußtseinswerdung einer Schicksalsgemeinschaft vor 2000 Jahren oder sprachen angesichts der im 10. Jahrhundert stattgefundenen ersten Reichsgründung vom „tausendjährigen Reich“, so wird ein knappes Jahrhundert nach dem bösesten aller Deutschlande verkündet, Deutschland wäre erst 60 Jahre alt. Da blicke noch einer durch! Vielleicht aber haben Prantl (Jg. 1953) und Böhmer (Jg. 1950) auch nur ihre eigenen Geburtstage mit dem Geburtstag Deutschlands verwechselt, so etwas kann bei Narzißten hin und wieder vorkommen.

Dementsprechend kann es bis vor 60 Jahren auch keine Deutschen gegeben haben: Hermann der Cherusker war Germane, Walther von der Vogelweyde Songwriter, Goethe Thüringer, Mozart Salzburger, Beethoven Holländer, Kopernikus Pole, Bismarck ein Arschloch und der Rest sowieso alles Nazis, bis … ja bis vor 60 Jahren plötzlich die Deutschen gegründet wurden. Natürlich ist bei dieser Betrachtungsweise alles, was Deutschland ausmacht, recht jung: Klinsmann und Ballermann, Schwarzwaldklinik und Lindenstraße, Wirtschaftswunder und Finanzkrise, Heidi Klum und Alice Schwarzer, Geburtenrückgang und Einwanderung, Neonazis und Lichterketten, Claudia Roth und Angela Merkel, Commerzbankwolkenkratzer und Plattenbauwohnung, Bundestag und Dschungelcamp … Und, natürlich: Deutschland war schon immer Einwanderungsland! Happy birthday!

Wie aber wird man ein waschechter „Doitscher“? [4] Entweder bekommt ein Bewohner dieses Deutschland seine Staatsbürgerschaftsurkunde unverdientermaßen gleich nach der Geburt umgehängt oder muß sich diese als „Zu-spät-Gekommener“ mühselig durch einen Wissenstest verdienen: Wie viele der 16 Bundesländer bilden die Bundesrepublik? Mit welchem Buchstaben fängt das Wort „Grundgesetz“ an? Wie lautet der Spitzname von Joschka Fischer? Wo liegt das Dschungelcamp? Wer wohnt in der Sesamstraße? Wie heißt Angela Merkel mit Vornamen? … Ist der Wissenstest bestanden, gibt es die Staatsbürgerschaftsurkunde, die im Gegensatz zur Fahrerlaubnis kostenlos ist und keinen Praxistest erfordert. Wer also wenigstens einen IQ von 65 hat und ein Flugticket zu lösen imstande ist, darf ein strammer Doitscher werden und bei Klins- und Ballermännern inbrünstig die dritte Strophe des Deutschlandliedes mitgrölen.

Diese Einbürgerungspraxis mit Wissenstest sieht die Staatsrechtlerin Astrid Wallrabenstein in der linken tageszeitung als einen „Wettkampf, an dessen Ende den Besten die deutsche Staatsbürgerschaft wie eine Medaille umgehängt wird“ und kritisiert: „Die geborenen Deutschen fragt ja auch niemand, ob sie sich zum Grundgesetz bekennen.“ [5] Sollte man das ändern? Daß sich ein Volk seinen Staat als Organisationsinstrument schafft, ist offensichtlich ein antiqierter Hut, wenn sich der Staat auch sein Volk schaffen kann. „Ich würde mich freuen, wenn Sie Deutsche oder Deutscher werden“, schrieb die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung in einer Broschüre für Einbürgerungswillige [5], was dem Bemühen eines Großkonzerns ähnelt, die hohe Selbstmordrate der Stammbelegschaft durch Werbe-Annoncen im Sozialamt zu bekämpfen.

Auch die Deutsche Kommunistische Partei diskutiert nicht mehr über die Degradierung der menschlichen Persönlichkeit zum gleichgeschalteten Humankapital, sondern nur, wie der auswechselbare, internationale Prolet möglichst flexibel und gleichberechtigt eingesetzt werden kann, um im Hamsterrad der Zivilisation bestehen zu können. So stellt sie hinsichtlich der Einbürgerungstests für immigrierte Jobber fest: „Wem gegenüber haben die Kolleginnen und Kollegen, die hier nach einem Auskommen suchen, denn eine ,Bringschuld’?“ [1] Natürlich niemandem gegenüber, wenn die Welt nur aus gleichen, anonymen Jobbern und einer faulenzenden, faschistisch-rassistischen Ausbeuterclique besteht.

Sicherlich werden am 23. Mai Millionen Menschen, die verschuldet und unverschuldet (also mit und ohne Wissenstest) Deutsche wurden, den 60. Geburtstag mit Alcopops und Schwarzrotgold-Basecaps abfeiern, und selbst der anthropologisch versierte Statistikstudent darf sich ausrechnen, ob die Abtreibungspraxis des deutschen Prekariats, verbunden mit der durch den Einbürgerungstest erfolgten intellektuellen Auslese, eine Höherzüchtung jener Deutschen herbeiführt, welche irgendwann sogar die PISA-Aufgaben werden meistern können. Fit für die Zukunft!.

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[1] AufDraht: „Titelkarikatur“, 07.12.2004
[2] Die Welt: „Migranten – ein ,oft verborgener Schatz’“, 10.05.2009
[3] Süddeutsche Zeitung: „Auferstanden aus Ruinen“, 21.04.2009
[4] Freitag: „Doitscher Sozialismus“, 22.09.2000
[5] tageszeitung: „Einbürgerung ist kein Wettkampf“, 18.06.2008

Eine Antwort

  1. Zum thema Einbürgerungstest empfehle ich hier einen satirischen Kurzfilm von Güclü Yaman. Der Film hat neulich den Aktion Mensch Kurzfilm Preis gewonnen.

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