Bildungsklau

Eine Katze, die einen Kanarienvogel gefressen hat, kann darum noch nicht singen.
Sprichwort


Als wir die Spickzettel des „StudentInnenRates“ der Universität Leipzig lasen, welche für StudentInnenproteste den Demonstranten zur Verfügung gestellt wurden – denn zwischen Schillers „Handschuh“ und dem Satz des Pythagoras ist sicherlich kein Platz mehr im Kopf -, waren wir zutiefst erschüttert über die ernsthaften Anliegen der StudierendInnen.

Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“ Der Spruch könnte implizieren, daß seine Rufer einstmals Bildung besessen haben. Wer hat sie gestohlen und wohin ist sie verbracht worden? War es die Mafia und wird die Bildung jetzt auf einem russischen Schwarzmarkt feilgeboten? Und wo wurde sie geklaut? In einem Kiez-Café oder bei einem lustigen StudierendInnenfest oder während einer Vorlesung, bei der die StudentInnen ihren unschuldigen Rausch ausschliefen? Dabei meinte einst Goethe selbstsicher: „Das Edle zu erkennen, ist Gewinst, der nimmer uns entrissen werden kann.

Der zweite Spruch gibt keine Antwort: „Bildung ist ein Menschenrecht, keine Ware!“ Tatsächlich? Ernährung wäre doch dann wohl ein noch viel fundamentaleres Menschenrecht. Diese dürfte dann also auch nichts kosten? Sollte man also, analog zum Bildungsstreik, für kostenloses Essen in einen Hungerstreik treten? Was wäre weiterhin Menschenrecht? Feine Villen? Partys? Rauschgift? – Weiter im Text: „Bildung krepiert, weil Dummheit regiert!“ Wieso ist die Bildung krepiert? Kopfschuß oder Hirnschlag? Zum zweiten Teil der Parole könnte man aus Brechts Kälbermarsch zitieren: „Die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber“.

Hu-Hu-Humankapital“ ist eine Parole für die Stotterer. Jene, die bereits ganze Sätze zu äußern imstande sind, können „Wenn ich groß bin, werd’ ich Humankapital!“ brüllen. Haben die etwas anderes erwartet? Etwa, daß sie ihr Leben lang vor der Spielekonsole sitzen dürfen und Mami Cheeseburger mit Cola serviert? Nein, Mami will auch mal ihre Ruhe vor verzogenen Gören haben und Papi Staat, im Idealfall das Organisationsinstrument der ihn unterhaltenden (steuerzahlenden) Bürger, zückt irgendwann die Peitsche, um das Geld wieder einzutreiben, das er für die gameboyspielenden Kiddies in Form von Schulen (Bildung), Polizei (Ordnung), Militär (Sicherheit) usw. vorgestreckt hat.

Geben und Nehmen, so ist das nun einmal, auch wenn man als bundesdeutsches Kind den Eindruck gewinnen könnte, Geld und Wohlstand seien ein Perpetuum Mobile, das man den Kapitalisten nur aus ihren Villen wegnehmen und an alle verteilen müßte, um selbst ein Leben lang auf der kreativen Haut liegen zu dürfen, anstatt brutal ausgebeutet zu werden. Angesichts dieser Verfügungsmasse sozialromantischen Lumpenproletariats müßte selbst den karrierefähigen Studenten die Hoffnung im Halse stecken bleiben: „Wenn ich groß bin, werde ich Humankapitalist!“

Weiterhin soll das zukünftige Humankapital skandieren: „Bildung für alle, und zwar umsonst!“ Man hat tatsächlich manchmal den Eindruck, daß die jahrelange Schulausbildung für StudierendInnen umsonst war. Viele weisen rudimentäre Defizite auf, wenn sie in die Universitäten abgeschoben werden, nur damit sie die Arbeitslosenstatistik niedrig halten. „Bildung für alle, sonst gibts Krawalle!“, das ist schon eine Losung für die Revolutionäre unter den Bildungssüchtigen. Mit etwas schlechterer Rechtschreibung dahingestolpert klingt „Ein Land was an Studenten spart, begibt sich auf ’ne Todesfahrt!“ resigniert und depressiv. Allerdings kann man sich die Todesfahrt nur schwer vorstellen, wenn jenes Gros von StudentInnen, die schon an der Orthographie scheitern, eine ordentliche Berufsausbildung erhielten.

Das von den StudierendInnen zu rufende „Könnt ihr die Schreie der Bildung nicht hören?“ ist allerdings ein Oxymoron zu anderen Brüllern. Die Bildung wurde doch geklaut, wie soll man da ihre Schreie noch hören können? Oder meinen die Protestierer ihre eigenen Schreie während der Demonstration? Dann wären sie wohl die Bildung in persona und würden demnächst geklaut? Nun, wir wissen es nicht, vielleicht wissen es jedoch die Autoren der „Generation Doof“.

Sicherlich gibt es viele Kritikpunkte am Bildungssystem, ja, sehr viele sogar. Aber ob es gerade jene sind, die von den Intellektuell_innen des Leipziger StudentInnenRates postuliert wurden? Und: Wenn dies das Niveau des StudentInnenRates ist, wie hoch ist dann erst jenes der Leipziger StudentInnen? Vielleicht aber haben auch nur die vielen anderen Studenten keine Stimme, weil sie sich auf ihr Studium konzentrieren. Denn wie mahnte Johann Gottlieb Fichte so treffend: „Bildung geschieht durch Selbsttätigkeit und zweckt auf Selbsttätigkeit ab.

Weiterlesen »

Klimareligion

Die weltweite Panik der globalisierten Welt wurde längst zu einem effizienten politischen und finanziellen Instrument. … Die Wahrnehmung des Menschen aber neigt dazu, die globalen Probleme durch die lokalen zu ersetzen; diese Eigenschaft wird von den Medien und Staaten schamlos ausgenutzt. … Eine neue Gefahr kommt wie gerufen…. Man wird sich etwas Neues einfallen lassen müssen, um die Menschen bei Laune zu halten … und Geld mit der menschlichen Angst zu verdienen.
RIA Novosti zur Schweinegrippehysterie


Weiterlesen »

Begabungsförderung

Nicht die Bildung dient der Wirtschaft, sondern diese wäre weder aufgekommen
noch stände sie in Blüte ohne die Bildung.

Theodor Ballauff / Hubert Hettwer


Zwei interessante Veröffentlichungen vom 2. Februar greifen das Problem von Bildungsgerechtigkeit und Bildungsrückgang auf. So moniert Eva Kühne in der Schülerzeitung „Blauen Narzisse“ [2], daß derzeit die „komplette Nivellierung der Herkunftsunterschiede“ im Mittelpunkt stünde. „Die Studentenzahlen sollen erhöht werden, um Bildungsgerechtigkeit zu garantieren. Um das zu erfüllen, soll das Studium vereinfacht werden. Möglichst viele sollen studieren. Das eigentliche Ziel der ,Humankapitalsteigerung’ (was für ein Unwort!) wird damit jedoch vollkommen verfehlt.

Es sei nicht unbedingt vorteilhafter, „wenn Massen mittelmäßig Ausgebildeter eine Volkswirtschaft antreiben, anstelle einer ausgewählten, gründlich ausgebildeten Gruppe. Nicht jeder ist für eine bestimmte Ausbildung bestimmt und bringt die entsprechenden Qualifikationen mit.“ Gleich darauf wird allerdings festgestellt: „Noch ist es dem deutschen Bildungssystem nicht gelungen, Chancengleichheit in der Schulbildung herzustellen. Folglich kann bei Studienantritt nicht von einer gleichen Qualifizierung aller Bewerber ausgegangen werden.“ Inwieweit „Chancengleichheit in der Schulbildung“ automatisch zur „gleichen Qualifizierung aller Bewerber“ führt, steht jedoch im Raum. Dazu müßten auch erst einmal alle Menschen ein gleiches Begabungspotential besitzen.

Heike Schmoll stellt in der FAZ richtig fest: „Der Staat kann nicht ,begaben’, er kann und muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich Begabungen unabhängig von Milieus entfalten können. Aus purer Verzweiflung darüber, dass Begabungen nicht umverteilt werden können, haben sich Bildungspolitiker oft genug dazu entschlossen, die Schwachen zu begünstigen und die Talentierten zu benachteiligen. Das Niveau wird gesenkt, die Begabten sind unterfordert und die weniger Talentierten nicht ausreichend gefördert, weil die Chancen ungleich genutzt werden.“ [3] Die unprofessionelle Bildungsalimentierung, verbunden mit der Predigt von der Gleichheit aller Menschen, führe zu einer Erwartungshaltung, die allzu oft in Resignation ende: „Schon in der Aufklärungszeit schoben die Bauern eine schlechte Ernte lieber auf den lieben Gott und das ungünstige Wetter als auf ihren Anbau. Es gelang deshalb nicht, sie zur Eigenverantwortlichkeit zu ermutigen. An die Stelle von Leistung und Verpflichtung waren Forderung und Erwartung getreten.

Nun ist zum Fragenkomplex Begabung und Begabungsförderung, begründet in den Anforderungen einer industriellen Technokratie, im letzten Jahrhundert viel geschrieben worden, wobei die ökonomischen mit den massenideologischen Sichtweisen nicht unbedingt korrelieren. Eine gute Zusammenfassung zum Themenkomplex der Begabungsforschung bietet das Buch „Begabungsförderung und Schule“ von Theodor Ballauff und Hubert Hettwer aus dem Jahre 1967. Die beiden Autoren machten es sich zur Aufgabe, Beiträge auszuwählen und zusammenzustellen, die es erlauben, den damaligen Stand der Forschung, bezogen auf die Schule, in ihrer historischen Entwicklung zu verfolgen und verschiedene Aspekte der Begabungstheorie zu beleuchten.

Die Sammlung beginnt mit einem Aufsatz des Psychologen William Stern, dem Erfinder des Intelligenzquotienten, aus dem Jahre 1916. Stern plädiert für die Betreibung einer Menschenökonomie. Diese bedeute eine „den Fähigkeiten entsprechende Verteilung der Menschen auf die Berufe, die Verwertung jeder Begabung an derjenigen Stelle des nationalen Schaffensprozesses, an der sie ihr Bestes leisten kann … Für die deutsche Wissenschaft aber ergibt sich daraus die Forderung, die Erkenntnis jenes geistigen Nationalschatzes an Begabungen in die Wege zu leiten und für die pädagogischen und Berufseignungsfragen nutzbar zu machen.“ Die moderne Psychologie müsse Begabungsforschung und Begabungsdiagnose betreiben.

Diese Sicht ist auf den Aspekt einer nationalen Begabungsförderung fixiert. Die Globalisierung ermöglicht heute durch Flexibilisierung und Mobilisierung des Humankapitals jedoch auch Begabungsimporte, mit deren Forcierung die Ausgaben für das nationale Bildungswesen gesenkt werden können. Konkurrierende Wirtschaftsgebilde treten dann in einen Wettstreit um die Begabten aus der ganzen Welt, deren Ausbildung sie zumeist nicht finanzieren wollen, und vernachlässigen dabei die Förderung des eigenen (nationalen) Begabungsreservoirs.

Aus der gleichen Zeit des ersten Weltkrieges datiert ein Beitrag von Wilhelm Hartnacke, dem späteren vorübergehenden Bildungsminister Sachsens, der zwischen 1933 und 1935 einen besonders harten numerus clausus einführte. Damit stand er dem im Nationalsozialismus postulierten Gedanken einer klassenlosen Volksgemeinschaft entgegen, was zu seiner Absetzung führte. Hartnacke geht auf die Begabtenverteilung in den sozialen Schichten ein und konstatiert eine Ungleichverteilung: In höheren Kulturschichten wären deutlich mehr Begabte als in den unteren Schichten vorzufinden. Er spricht sich gegen eine Einheitsschule aus und gegen die Übernahme von Schulmodellen aus Amerika, Skandinavien oder der Schweiz: „Ich finde nicht, daß man uns den Erfolg unserer deutschen Schule in der Welt bisher nachgemacht hat.“ Das ist aus einer 90 Jahre späteren Perspektive heraus eine interessante Feststellung, weil nach dem Siegeszug der „68er“ und den bald darauf folgenden katastrophalen Ergebnissen der PISA-Studien über ein schlechtes deutsches Schulsystem debattiert und Teile des angelsächsischen Studiensystems eingeführt wurde.

Der dritte Beitrag stammt vom Erziehungswissenschaftler Heinrich Roth aus dem Jahr 1952. Roth war Verfechter eines dynamischen Begabungsbegriffes, der nicht nur die Vererbung von Intelligenz- und Lernleistungen betrachtet, sondern auch auf deren Beeinflussung durch Umweltbedingungen und gezielte pädagogische Förderung Bezug nahm. In seinem Beitrag trennt er zunächst den Begabungsbegriff von der Intelligenz und kritisiert: „Die Begabungsforschung der Psychologie hat sich auf die Intelligenzforschung verengt.“ Intelligenz sei lediglich das, was der Intelligenztest messe. Dieser untersuche „die Fähigkeit, mit neuen Situationen fertig zu werden“, also eine „intelligente Anfangsleistung neuen Aufgaben gegenüber“, aber nicht die mögliche Endleistung. Begabung könne sich „nur in der Aneignung, Beherrschung und Vollendung tatsächlicher Leistungsformen unserer Daseinsbewältigung und Kulturbetätigung dartun“, bei ihr komme es auf die „Aneignung bestimmter Leistungsformen eines Faches, auf ihre Steigerung bis zur freien Verfügbarkeit, ja bis zur produktiven Anwendung echten neuen Aufgaben gegenüber“. Sie sei eine „Hinordnung auf ein bestimmtes Tätigkeitsfeld“. In etwa 80 Prozent der Fälle würde sich jedoch eine hohe Intelligenz mit hoher Begabung, die sich in Lebensleistung äußere, decken. Roth nimmt an, „daß hohe Intelligenzquotienten gleichzeitig ein Anzeichen für ein hohes seelisches Gesamtniveau überhaupt“ wären.

Als Fazit aus Roths bemerkenswerter Analyse bliebe also festzuhalten, daß jene, die sich in neuen Situationen anpassungsfähig und flexibel zeigen, bei Intelligenztests überdurchschnittlich abschneiden, während jene, die tiefgreifend und schöpferisch denken oder handeln, nicht unbedingt einen hohen Intelligenzquotienten aufweisen müssen. Die Begabungsentfaltung wiederum wäre von der Lebenssituation abhängig. So fragte bereits der Pädagoge Georg Reichwein süffisant, wie sich Begabungen, die das heutige Leben verlangt, des Wirtschaftsorganisators oder des Ingenieurs, des Fliegers oder Gewerkschaftsorganisators, im Mittelalter ausgewirkt hätten. Zu resümieren wäre auch, daß auf die Erfordernisse einer sich schnell und umgreifend ändernden globalen Welt dressierte Menschen oder Menschengruppen hohe Intelligenzquotienten aufweisen können, aber deswegen nicht zwingend schöpferisch begabt sein müssen.

Sinniert Roth im weiteren über den pädagogischen Einfluß der Entfaltungsmöglichkeiten von Begabung, geht der Psychologe Otto Engelmayer in einem Aufsatz aus dem Jahr 1953 tiefer auf den Begabungsbegriff ein. Im Rahmen von Veranlagungen wäre „Belastung“, eine Erbkrankheit oder ein geistiger Defekt das Gegenteil der körperlichen, geistigen oder gemütsmäßigen Begabung. Begabungen stünden der relativ fixen Konstante von Intelligenzquotienten schon deswegen gegenüber, weil sie sich „im Rahmen der gesamten Persönlichkeitsentwicklung in einem ständigen Werdeprozeß zu individuellen Leistungsstrukturen entfalten, ausbauen, umschichten, aber auch verfallen, verkümmern oder entarten können“. Sich auf Hartnackes sozial bedingte Begabungsverteilung beziehend stellt Engelmayer fest: „Die relativ höchste Zahl der Hochbegabten ist bei den ,Oberschichten’ zu finden; die absolut größte Zahl aber wird von den Mittel- und Unterschichten gestellt. Auch heute noch ist demnach das ,Volk’ das Reservoir der Begabten.“ Eine Begabungsförderung muß demnach auch die unteren Schichten umfassen, um dieses Reservoir auszuschöpfen, allerdings bleibt hierbei zu berücksichtigen, daß Aufwand und Erfolg miteinander korrelieren.

Engelmayer unterscheidet genauer in praktische Begabung, wie sie unabhängig der Intelligenz in allen Berufsständen vorkommen kann, in theoretische Begabung, historisch und sprachlich oder naturwissenschaftlich-technisch, und in musische Begabung. Zu unterscheiden wäre auch die Allgemeinintelligenz von der Sonderbegabung. Intellektuelle Begabungsrichtungen würden sich nicht vor dem 13. Lebensjahr herausschälen, während musische und praktische Begabungen wesentlich früher aufträten. Der Psychologe zitiert amerikanische Studien, die sich einerseits auf die Milieubedingungen getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge beziehen, welche größere Streuungen des Intelligenzquotienten aufwiesen als jene, die zusammen aufwuchsen, und die andererseits konstatierten, daß „die durchschnittliche Begabungshöhe der westlichen Kulturvölker im stetigen Abbau begriffen sei.“ Der Verlust würde „mit 2 bis 3 IQ-Punkte pro Generation beziffert“. Diese Feststellung wurde vor kurzem auch von dem Intelligenzforscher Volkmar Weiss empirisch nachgewiesen und populärwissenschaftlich postuliert.

Wie oben bereits festgestellt, so könnte aus heutiger Sicht entgegnet werden, daß gerade die schnellebige Zivilisation mit ihrem fortdauernden Anpassungsdruck den Intelligenzquotienten eigentlich dressieren, das Gedeihen von Begabungen aber behindern müßte. Auf diesen Aspekt geht der Sozialpsychologe Albert Huth in seinem Aufsatz von 1956 ein, der angesichts der bei damaligen Jugendlichen diagnostizierten körperlichen Wachstumsbeschleunigung und geistigen Entwicklungsverzögerung feststellte, sie hätten zu viele Wahrnehmungen und zu wenig Anschauungen: „Es dringen so viele Sinneswahrnehmungen auf sie ein, daß nichts wirklich verarbeitet werden kann; alles bleibt flüchtig und ungenau.“ Auch würden die Begabungen innerhalb von Schulklassen immer weiter streuen, was für Unbegabte wie für Begabte gleichermaßen ungünstig wäre. Diese Streuung würde sich mit zunehmendem Alter der Schüler verstärken.

Der Psychologe Karl Mierke geht auf den Anteil des individuellen Interesses auf Konzentrationsfähigkeit ein und damit auf den Willen zum Erkenntnisgewinn, welcher Begabungspotentiale fördert. Es bestünde „ein Kausalverhältnis zwischen Interesse und Leistung. … Wertgewichtige und konstante Interessen sind immer auch eine inhaltvolle und impulskräftige Komponente der persönlichkeitseigentümlichen Begabung; denn sie tragen den Bildungs- und Selbstbildungsprozeß.“ Die Erweckung und Pflege echter Interessen sei von zentraler pädagogischer Bedeutung. Es müsse eine Psychohygiene entwickelt werden, in welcher ein Jugendlicher „die leistungsfordernde Gesellschaft nicht als Feind und die sich zum Leistungsprinzip bekennende Schule nicht als Tyrann“ empfinden dürfe.

Der Sozialanthropologe Karl Valentin Müller beschreibt den Sinn der Begabungsforschung als Ziel, Begabungsreservoirs nutzbar zu machen. Begabung sei „eine nur in gewissen Grenzen entfaltbare Gabe der Natur, die den Menschen, die in eine Gesellschaft hineingeboren werden, nur in sehr unterschiedlichem Maße zuteil wird. Da den Bemühungen der Gesellschaft um Entfaltung von derartigen Anlagen verhältnismäßig enge Grenzen gesetzt sind, da es andererseits aber für jede wirtschaftlich-gesellschaftliche Hochleistung und deren Erhaltung in erster Linie auf das Vorhandensein und Zusammenwirken genügend vieler hochbegabter und begabter Menschen ankommt, ist die Frage nach dem Begabungspotential für jedes Volk und jede Wirtschaft unter allen Umständen vordringlich.

Müller beschreibt auch hinsichtlich der damaligen sowjetischen Besatzungszone, in welcher den sozialen Unterschichten gleiche oder sogar bessere Aufstiegsmöglichkeiten als den Oberschichten eingeräumt wurde, daß die Begabungspotentiale dennoch ungleich verteilt blieben. Der Grund läge auch in „unterschiedlicher Einsicht und Opferbereitschaft der Eltern“ in Bezug auf die Ausbildung ihrer Kinder. Er warnt einerseits „vor einer Überschätzung der noch zu hebenden Begabungsschätze, andererseits vor einer zu weit getriebenen Verschulung und einer Berechtigungs-Zwangswirtschaft; wir dürfen nie vergessen, daß wir um eines gesunden öffentlichen und kulturellen Lebens willen dankbar sein müssen dafür, gute Begabung und tapfere Charaktere mit und ohne schulische Ausbildung in allen Lebensbereichen anzutreffen, als unerläßliches Ferment eines freien Gemeinwesens.

Der Psychologe Wilhelm Arnold versucht, Begabungsminderung und Begabungsverschiebung empirisch nachzuweisen. So sei innerhalb von 40 Jahren zwar die manuelle Geschicklichkeit und die organisatorische Befähigung der Jugend leicht gestiegen, die Bereiche der Sprache, der Formgestaltung, der Auffassungsgabe, des Arbeitstempos und vor allem der Aufmerksamkeit einschließlich Konzentration und Sorgfalt jedoch defizitär. Überaus treffend ist das von Arnold gezeichnete Charakterbild des technokratischen Menschen:

Das Zeitalter der Technik prägt den Menschen nach der ihm eigenen Stilidee; es ist nicht der Stil des idealistischen Philosophen oder des meditierenden Gläubigen, nicht der des belletristischen Genießers oder des genügsamen Einsiedlers. Der Lebensstil des Menschen der Zahl und Technik ist gekennzeichnet durch Nüchternheit, Sachlichkeit, Fleiß und bekenntnisarme Toleranz. In diesem Lebensstil entwickelt sich unsere Jugend. Die soziale Konsequenz ist zunehmende Individualisierung bei gleichzeitiger großer Anfälligkeit für Massensuggestionen. Die Spezialisten verlieren die Übersicht und das abwägende Urteil; sie urteilen zwar in Sachlichkeit und Genauigkeit, aber befangen in ihrer persönlichen Enge.

Er widerspricht ebenfalls der „gelegentlich aus sozialpolitischen Gründen“ vertretenen Auffassung, „daß die Begabungen quer durch alle sozialen Stände hindurch dieselben seien.“ Im Gegenteil sei „Begabung zu einem erheblichen Teil erbabhängig und zu einem geringeren Teil bildungsmilieuabhängig. … Das bedeutet nicht, daß es nicht auch begabte Arbeiterkinder gäbe und etwa auch unbegabte Akademikertöchter und –söhne, wohl aber, daß die Schwerpunktverlagerung der Begabungskapazität mit einer bestimmten sozialen Schichtung zusammenhängt.

Der zweite Teil des Buches geht intensiver auf organisatorische und institutionelle Maßnahmen zur Begabungsförderung ein, so wird die „Schule für das Jahr 2000“ entworfen und die „Begabtenförderung als politische Aufgabe“ postuliert. Im dritten Buchteil werden Aufsätze zu „Begabtenauslese und Elitenbildung“ im Schulwesen vorgestellt, unter anderem die Aspekte „Förderung oder Auslese“ oder das „Das Eliteproblem und die höhere Schule“ angerissen; ein Themenbereich, den wir bereits zur Diskussion stellten.

Gerade angesichts des von selbsternannten Bildungsbürgern als „Bildungs-Ungerechtigkeit“, „Bildungskatastrophe“ und „Bildungsmisere“ postulierten Abbildes des bundesdeutschen Bildungssystems bietet das Buch ernüchternde und aufklarende Einblicke in die Bildungsforschung zu einer Zeit, als Studenten vermehrt daran gingen, weniger ans Studieren denn ans Demonstrieren zu denken. Heute bilden sie die Elite, die auch das Bildungssystem bestimmt. Das uns vorliegende Buchexemplar wurde – symptomatisch – im Jahr 2001 aus dem Inventarverzeichnis des Staatlichen Rhein-Gymnasiums Sinzig ausgeschieden.

Weiterlesen »

Erdrückkühlung

Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor zwanzig Jahren
wird es in unseren Breiten nicht mehr geben.
“ [1]
Prof. Dr. Mojib Latif, Wissenschaftler am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie


Über 15.000 Teilnehmer aus 194 Ländern der Welt, unter ihnen mehr als 100 Staats- und Regierungschefs, tausende Journalisten und zehntausende Demonstranten waren im Dezember per Flugzeug, Hubschrauber, Pkw, Bahn und Bussen für 2 Wochen nach Kopenhagen gereist, um die Erderwärmung zu beenden. Fast niemand hätte für möglich gehalten, daß die Umsetzung so schnell und so erfolgreich vonstatten gehen könnte. Doch wer jetzt noch zweifelt an dem Engagement unserer KlimakanzlerInnen und allen, die ihr bei der Erdrückkühlung helfen, der ist nun eines Besseren belehrt.

Bereits Anfang Januar wurde gemeldet, daß „im Nordosten der USA derzeit der kälteste Winter seit 1982“ [2] herrsche, dabei hatte er noch garnicht richtig begonnen. In der Mongolei wurden ganze Eisenbahnzüge von Schneewehen begraben, in Peking fiel soviel Schnee wie seit 60 Jahren nicht mehr, und es war dort seit 24 Jahren nicht mehr so so kalt gewesen. Auch „auf der koreanischen Halbinsel sorgten die stärksten Schneefälle seit mehr als 70 Jahren für Chaos.“ [3]

Zum ersten Mal seit 50 Jahren hat es auf dem ganzen Gebiet im europäischen Teil Rußlands im Monat Januar noch keine Plustemperatur gegeben. „Selbst im Sonnenland Spanien wurden Schneewarnungen ausgesprochen.“ Die letzte Kaltfront am Ende des Januars erreichte sogar Marokko und Algerien. [4] Die britische Insel erlebte den kältesten Winter seit 1981. [5]

Nicht ganz so erfolgreich ist die Erdrückkühlung in Mitteleuropa: Der Januar 2010 war in der BRD nur rund drei Grad kälter als im Durchschnitt und damit „der kälteste seit 1997. 23 Schneedeckentage gab es zuletzt im Jahre 1982.“ [6] Die Schweiz erlebte hingegen den kältesten Januar seit 23 Jahren. „Über die ganze Schweiz gemittelt war der Januar dieses Jahr bisher 1,5 Grad zu kalt. Der Januar 2009 war zwar nur geringfügig weniger kalt, kälter war es mit einem Temperaturdefizit von minus drei Grad letztmals allerdings im Januar 1987.“ [7]

Aus allen Teilen der Welt erreichen uns solch frohe Botschaften. Wichtig ist nun aber, die Nachricht über die begonnene Durchsetzung der Erdrückkühlung auch denjenigen zu melden, welche über keinen Zugang zu den staatlichen Nachrichtensendern verfügen. Das betrifft vor allem die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft. Vor allem Obdachlose legen sich in treuem Glauben an die Erderwärmung noch oft genug des Nachts zitternd auf die Erde, um sich in den eiskalten Nächten an ihr zu wärmen. Und um nimmermehr aufzuwachen.

Weiterlesen »

Extremitymainstreaming

Das Internetportal netzwerkrecherche führte unlängst ein Interview mit der/m GleichstellungsbeauftragtemN der Bundesregierung, MenschIn Stefan Pingel-Beinlich, über Extremitymainstreaming.

netzwerkrecherche: Guten Tag, Frau Stefan Pingel-Beinlich …

Pingel-Beinlich: Hi, ich möchte von vornherein klarstellen, daß ich nicht als „Frau“ oder „Fräulein“ angesprochen werden möchte, sondern geschlechtsneutral als „MenschIn“. Selbst bei Duzfreunden lege ich Wert darauf, „Stefan—ie“ genannt und „StafanIe“ angeschrieben zu werden.

netzwerkrecherche: Natürlich, Frau MenschIn, wir werden uns bemühen, jeglicher Diskriminierung aus dem Wege zu gehen. Wo wir gleich beim Thema wären: Könnten Sie den Begriff „Extremitymainstreaming“, der auf Wunsch Ihrer Partei demnächst gesetzlich verankert werden soll, näher erläutern? Bedenken Sie dabei bitte, daß Sie hier im Portal von netzwerkrecherche ein besonders kritisches Publikum erwartet.

Pingel-Beinlich: Zunächst: Es gibt kein kritisches Publikum! Auf dem XXVII. Klausurtag der BundesbeauftragtInnen wurde die Gleichheit aller MenschInnen festgelegt. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, daß die Diskriminierung jeglicher Art von Publikum geächtet ist und gegebenenfalls auch strafrechtliche Konsequenzen haben kann. Ich weise Sie sowieso noch einmal darauf hin, daß Ihre antimodernistische Großschreibung der SubstantivInnen und die damit verbundene Diskriminierung von VerbInnen und AdjektivInnen der MenschInnenheit unangenehm in die AugInnen gefallen ist.

„Extremitymainstreaming“ umfaßt mehr als nur die Gleichstellung aller menschlichen GliedmaßInnen. Einerseits sollen zukünftig alle MenschInnen nur noch vier GliedmaßInnen besitzen, weshalb den bisher als „Männer“ klassifizierten MenschInnen eine GliedmaßIn zu entfernen wäre. Dies fällt auch in den Bereich des „Gendermainstreaming“.

Andererseits ist die seit Langem anhaltende Unterscheidung in ArmInnen und BeinInnen ein Akt der Diskriminierung eines der beiden GliedmaßInnenpaare. Warum sollen nicht linkeR ArmIn und rechteR BeinIn ein Paar bilden dürfen, warum nicht drei GliedmaßInnen zusammen glücklich werden? Leider haben FüßInnen derzeit nicht die gleichen motorischen Fähigkeiten wie HändInnen, was aber nur eine Frage des sozialen Umfeldes ist. Zunächst erst einmal sollte hier die Gleichheit der GliedmaßInnen vor den LebewesInnen gelten. Ziel wäre also, den MenschInnen wieder das Laufen auf allen vier GliedmaßInnen beizubringen.

Und genau dieser Aspekt ist drittens die Gewähr für die Gleichstellung aller MenschInnen mit den TierInnen, wobei wir leider feststellen mußten, daß einige TierInnen über weitaus mehr GliedmaßInnen verfügen, etwa SpinnInnen. Hier wird man bei einigen TierInnenarten restriktiv eingreifen müssen.

netzwerkrecherche: Aber meinen Sie denn, daß sich diese Art von Gleichstellung ohne den Widerstand von Mensche … äh … Innen wird umsetzen lassen? Denken Sie, daß etwa die Männer … MännerInnen? … also die mit den bisher fünf Gliedmaßen, sich jenes eine freiwillig werden entfernen lassen?

Pingel-Beinlich: Gewiß. Gleichstellung, die Liebe zu allen anderen auf gleicher Augenhöhe, ist ein Grundbedürfnis aller MenschInnen. Um den ExtremistInnen entgegenzutreten, die aggressiv gegen unsere liebokratische Gesellschaft kämpfen, muß mit allen Mitteln vorgegangen werden: mit liebokratischer Bildung, mit finanziellen Fördermitteln oder mit Verboten.

netzwerkrecherche: Sollte man in der Liebokratie wirklich mit Verboten arbeiten?

Pingel-Beinlich: Ihren Einwand habe ich erwartet. Doch rückblickend auf vergangene Zeiten stellt man als aufgeklärteR MenschIn fest, daß Verbote damals etwas Abscheuliches waren, welche die MenschInnen hinsichtlich notwendiger Aufklärung knechteten und unterdrückten. Zum Glück aber leben wir heute im Zeitalter der Vernunft, und da sind Verbote vernünftig, weil sie die MenschInnen vor Unvernunft schützen.

Nehmen wir das Beispiel des rückständigen Sportes „Fußball“. Verständlich, daß immer mehr RechtsextremistInnen dieser Leidenschaft frönen, weil damit die FüßInnen bevorzugt und die HändInnen diskriminiert werden, ja die demokratische Mitbeteiligung der HändInnen wird dort noch regelrecht unterdrückt. Das steht dem Extremitymainstreaming diametral entgegen.

Bei fortschrittlichen Vereinen wird von geschlechtsneutralen MenschInnen auf allen Vieren gelaufen und mit diesen gespielt, wobei als Foul gewertet wird, wenn eine GliedmaßIn bevorzugt oder benachteiligt wird. Es gibt je MENSCHschaft … ja, der Begriff „Mannschaft“ wurde endlich verbannt … jeweils nur noch 11 LinksaußenstürmerInnen, welche sich bei Spielen linksherum im Kreise drehen, um die Unendlichkeit und Uneinholbarkeit des Fortschritts zu repräsentieren.

netzwerkrecherche: Das klingt alles sehr befremdlich, aber plausibel. MenschIn Pingel-Beinlich, wie sind Ihre Zukunftsvisionen für die glückliche MenschInnenheit?

Pingel-Beinlich: Sie leisten sich eine/n FauxpasIn nach der/dem anderen, wir werden Ihre journalistische Akkreditierung überprüfen lassen … Es sei Ihnen in Ihre StammbuchIn geschrieben, daß bereits Ihre FragIn nach einer „glücklichen MenschInnenheit“ impliziert, daß wir alle TierInnen und auch die MaterieInnen und AntimaterieInnen vernachlässigen und damit diskriminieren.

Sie werden Sich daran gewöhnen müssen, daß die WeltIn im Wandel ist. Wir werden es in nicht allzu ferner Zukunft erleben, daß etwa die/der BundeskanzlerIn ein/e EselIn, die/der BundesgesundheitsministerIn ein/e SchweinegrippevirIn oder die/der BundesfinanzministerIn ein/e ElsterIn ist. Die Sprache wird irgendwann global gleichgestellt, dabei auch alle BuchstabInnen. Zum Zwecke der Antidiskriminierung und der Verständlichmachung der geschlechtsneutralen Sprache – Sie merken die Problematik hier bei unserem Gespräch – werden wir uns nur noch mit „u u u u u u“ verständigen und dabei alle GliedmaßInnen gleichberechtigt benutzen. Unser/e WeltpräsidentIn aber wird ein/e SteinIn, die/den wir gefunden haben, nämlich die/den SteinIn der WeisInnen.

netzwerkrecherche: Vielen Dank, MenschIn Pingel-Beinlich, für Ihre rosigen … äh, bunten Zukunftsaussichten. Auch unser gleichwertiges Publikum wird Ihnen handfußklatschend zustimmen.

Frau Stefan Pingel-Beinlich ist GleichstellungsbeauftragteR der Bundesregierung und VorsititzendeR des Ausschusses „MenschInnen mit vier GliedmaßInnen“. Sie lehrt an der Freien UniversitätIn Berlin im Fach Sozialsoziologie und ist Mitohneglied in der Partei „Die BuntInnen“.

Haiti

Wenn sie schon nichts zu essen haben in Haiti,
dann sollen wenigstens die Teller aus Porzellan sein.
“ [1]
Willi Winkler, Journalist


Nach Wochen der Trauer haben auch wir uns ein Herz gefaßt, über Haiti zu berichten. Wir wissen nur nicht so genau, über was. Eigentlich ist schon alles gesagt und alles geweint. Und geholfen.

Der Keramikkonzern Villeroy & Boch beispielsweise wollte „aus dem Bereich Tischkultur 2500 Suppenteller einer aktuellen, weltweit beliebten Serie“ [2] nach Haiti ausliefern, sicherlich deswegen, damit die Tischmanieren der haitianischen Plünderer nicht gänzlich verfallen. Etwas modebewußter zeigte sich ein Wiener Schmuckunternehmen, welches Ein-Herz-für-Haiti-Anhänger „aus hochwertigem Halbedelstein mit Silberherz (Gravur HAITI) und einem Band mit Silberverschluss“ verkaufte.

Auch eine evangelikale Gemeinde aus den USA half sofort und sendete 600 solarbetriebene Audio-Bibeln nach Haiti, „die das Wort Gottes in haitianisch-kreolischer Sprache erklingen lassen. Eine Akkufüllung der ,Proclaimer’ soll für 15 Stunden reichen. Die Betreiber der dazugehörigen Website ,Faith Comes By Hearing’ nennen ihre frommen Vorlesemaschinen denn auch ,ein Geschenk Gottes’ . Man könne das Gerät überall nutzen, sogar auf dem Mond.“ [3] Das werden die Haitianer bestimmt umgehend ausprobieren.

Auch beim gemeinen Katastrophenkonsumenten der zivilisierten Welt zeigte sich eine hohe Spendenbereitschaft. Das lag vor allem daran, daß die Fernsehsender auf Reality-Shows umgesattelt hatten: „So berichtet etwa CNN-Chefdoktor Sanjay Gupta über das Elend der Menschen, die miserable Versorgungslage in den Spitälern und greift dann vor laufender Kamera auch gleich selbst zum Skalpell.“ [4] Die Sendungen waren noch quotenreicher als „Akte X“ und „CSI – Crime Scene Investigation“ zusammen, wenn auch die Darstellung der eigentlichen Erdbebenkatastrophe im Hollywood-Streifen „2012“ weitaus tiefer unter der Haut kribbelte.

Die von einem tansanischen Bischof aufgestellte Faustregel für den Erfolg von Spendenaufrufen lautet denn auch: „Wenn CNN weg ist, kannst Du einpacken“. Ulrich Pohl vom Deutschen Spendenrat meint hierzu: „,Die Betroffenheit läuft rein über das Bild’, werden von einer Katastrophe keine anrührenden Bilder mehr übermittelt, gebe es meist nur noch ein kleines Zeitfenster, in dem Gelder fließen.“ [5]

Wie Spendenbereitschaft zu optimieren ist, haben „auch wissenschaftliche Untersuchungen zum Robbenschlachten gezeigt, sagt Kai Jonas, Sozialpsychologe der Universität Amsterdam. Optimal sei ein rührendes Robbenbaby, das dem Betrachter direkt in die Augen schaue; Fotos, die den Schlächter beim Häuten der Robbe zeigten, seien hingegen zu brutal gewesen und hätten den Spendenfluss verringert.“ Die Erklärung dafür sei einfach: Wir wollen uns beim Spenden gut fühlen!

Gut fühlen wollten sich auch jene, welche im Gegensatz zu den Hunde- und Katzenliebhabern eher süße Mohrenbabys präferieren und welche die Gunst der Katastrophe zu nutzen gedachten, ihre bereits vor den Erdbeben versprochenen haitianischen Babys schnellstens reich ins Heim zu holen. In Frankreich bspw. warten etwa 1000 potentielle Babyhalter sehnsüchtig darauf, endlich jene Sprößlinge Jahrezehnte lang durchfüttern und durchknuddeln zu dürfen, die andere in einigen Minuten anfertigten bzw. in neun Monaten austrugen. Das ist schon deswegen sinnvoll, damit den Erzeugern der Kinderscharen die Verantwortung abgenommen wird und diese ungestört der Produktion neuer Babys für die babyarme, zivilisierte Welt frönen dürfen. Dabei ist es eher unwichtig, ob die Ware aus Fair-Trade stammt oder ob wie im Fall der Arche Zoé, bei welchem aus dem Tschad entführte Kinder als Waisen deklariert nach Frankreich verhökert wurden, der Fairneß etwas brutaler nachgeholfen wird.

Die tausend Franzosen „hatten bereits vor dem Erdbeben einen Antrag auf Adoption eines Kindes aus Haiti gestellt. Viele dieser Verfahren waren bereits weit fortgeschritten, die Adoptiveltern hatten ihre Kinder zum Teil bereits mehrfach in Waisenheimen auf Haiti besucht. Seit dem Beben vom 12. Januar können diese Verfahren jedoch nicht mehr abgeschlossen werden.“ Vor dem Außenministerium Quai d’Orsay demonstrierten nun rund 300 Personen. „Sie legten Kerzen, Fotos und Wasserflaschen ab. Ihre Kinder hätten Durst, sollte das heißen.“ [6]

Die erschütterten Haitianer werden derweil „allmählich zorniger und ungeduldiger“ [7], weil die Hilfe nicht ausreicht. Trotz der schönen Suppenteller und der vielen guten Menschen, die sie von gefräßigen Kindermäulern befreien. Ob aber „Haiti 2010“ auch so ein Kassenschlager wie der Science-Fiction-Film „Avatar“ sein wird, liegt am Ende an der Inszenierung der Effekte. Die blauhäutigen Ureinwohner vom Planet Pandora haben bisher 1,5 Milliarden Dollar eingespielt. Die schwarzhäutigen Haitianer dürften von solch einem Spendenvolumen nur träumen [8]. Verständlich daher ihr Zorn und ihre Ungeduld.

Weiterlesen »

Eiszeit

Kräht der Hahn früh auf dem Mist,
ändert sich das Wetter oder bleibt wie’s ist.

Alte Bauernweisheit

Hatten wir in den 1990er Jahren schon nicht mehr die Möglichkeit, vor dem brutalen Ozonloch in die schützenden Wälder zu flüchten, welche bekanntlich bereits in den 1980er Jahren vom Waldsterben ratzekahl ausgemerzt wurden, so sorgten wir im letzten Jahrzehnt vor und legten uns etwas von jener Erderwärmung in den Keller, die seit dem letzten harten Winter und schwachbrüstigen Sommer Klimakatastrophe heißt. Dort haben wir sie gut verpackt eingelagert, denn da auch dieser Winter recht frostig ist, werden sich Medien und Wissenschaftler und Klimagegner und BundeskanzlerInnen und überhaupt alle, die von Angst und Hype und Sicherheitsversprechen und Alimentierung leben, im nächsten Jahrzehnt vielleicht auf die drohende Eiszeit konzentrieren.

Und wenn wir nicht sowieso allesamt an der Schweinegrippe untergehen, weil wir uns nicht getreu haben impfen lassen, dann wird das Sterben in der nächsten Dekade sicherlich genauso spannend wie die grausamen Tode der letzten Jahrzehnte.

Zusammenbruch deaktiviert

Der ,Extremismus’ als Propagandafloskel wird allerdings benötigt, um von aktuellen Machtfragen und Kriegen abzulenken. Es macht sich gut, die linke Jugend auf einen Phantomfaschismus zu hetzen. Dadurch verliert sie vorerst die eigenen Ziele.“ [1]
Prof. Dr. Bernd Rabehl, Soziologe


Es war eine Meldung, die jene zutiefst erschütterte, welche die derzeitige Verfaßtheit der politischen Macht der Bundesrepublik in einer sogenannten „Mitte“ zwischen „Links“ und „Rechts“ verorten: „Entgegen ihrer Ankündigung, die Mittel der Regierung auch zum Kampf gegen den Linksextremismus und gegen islamische Extremisten einzusetzen, geht das Geld weiter einseitig in Programme gegen ,rechts’.“ [2] Vor der Wahl noch hatte die neue Familienministerin Kristina Köhler (CDU) angekündigt, die Extremismusbekämpfung der Bundesregierung neu auszurichten und auch Projekte zur Eindämmung des Linksextremismus mit Steuergeldern zu alimentieren. Aus dem gleichen 24-Millionen-Euro-Budget wohlgemerkt, was natürlich auf Kosten der bisher Anti-Rechts-Alimentierten gegangen wäre. Doch wenn eine gleichberechtigte Geldverteilung zur Bekämpfung aller außermittigen Extremismen droht, wird die gesponsorte Linksdrall-Zivilcourage zu giftigem Wohlstandschauvinismus.

Die Angst, zukünftig mit Steuermitteln bekämpft zu werden und das auch noch von gutmenschelnden Initiativen, die keine Schnittstellen wie bisher zur linksextremistischen Antifa, sondern vielleicht dafür zur rechtsextremistischen NSDAP/AO aufweisen, trieb nicht nur „die grüne Vorsitzende Claudia Roth und einige Sozialdemokraten“ um. „Kein Geringerer als DGB-Chef Michael Sommer hatte die Familienministerin wegen ihrer Pläne quasi zur Persona non grata erklärt: ,Köhler wurde bisher nicht eingeladen. Und das wird sie in der nächsten Zeit auch nicht.’“ Doch nun ist wieder alles in Butter, die bezahlten Zivilcouragisten können sich zurücklehnen und zur Abschreckung der Masse weiterhin gemütlich das Rechtsextremismus-Gespenst herumgeistern lassen, ohne Konkurrenz durch andere Schreckszenarien.

Das gefällt nicht jedem, und obwohl sie für ihre Meinungsäußerungen nicht mit Steuergeldern gesponsort werden, sprechen Hunderte Kommentatoren unter der Meldung eine böse Sprache von A wie „Arschkriecherei“ bis Z wie „Zahltag“. Von „Wählerbetrug“ ist da die Rede, von „Lobbypolitik“ und von der Forderung, es „denen da oben“ endlich zu zeigen. Zwar können solche Kommentarfunktionen gelungene Einrichtungen sein, weil die Gefrusteten ihren Dampf ablassen und damit als Gefrustete und potentielle Gegner erkannt werden können – das wußten schon die Funktionäre in der DDR, welche durch das System der „Eingaben“ die vielen Klagen der DDR-Bürger bearbeiteten und aktenkundlich sortierten – man sollte sie aber nicht als Aufforderung verstanden wissen, den Unmut in gefährliche Bahnen abdriften zu lassen.

So wurde auch im vorliegenden Fall der Ton in der Kommentarspalte schärfer und es wurde ernsthaft angedeutet, daß die derzeitige politische Verfaßtheit keine 1000 Jahre mehr bestehen würde. So schreibt ein Metternich: „Ein Zusammenbruch ist dann erst vonnöten,wenn die ökonomischen und damit gesellschaftlichen Widersprüche zu einem Umbruch geradezu zwingen.“ Das war der letzte Kommentar, der letzte Funkspruch, den man von der Besatzung der Kommentarspalte vernahm, die sich aus den Weiten des Äthers hier versammelte und nebulös zur offenen Rebellion formierte. Die Tugendwärter, also die „Welt Online Moderatoren“, haben daraufhin die Kommentierungsmöglichkeit einfach abgestellt und damit – so hoffen sie und natürlich auch wir alle – den Zusammenbruch deaktiviert.

Weiterlesen »

No-Go-Area X-Berg

Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo,
wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen.
Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen.
“ [1]
Uwe-Karsten Heye, ehem. rotgrüner Regierungssprecher


Die 44 ist eine Zahl, welche bekanntermaßen als halber Hitlergruß verdächtigt wird, da sie die Hälfte von 88 ist. Entsprechend verschiedener Veröffentlichungen der esoterischen Literatur, in welcher die Weltverschwörungstheoretiker auf die Zahlenmystik der theoretischen Weltverschwörer Bezug nehmen, steht die Zahl 88 für eine Aneinanderreihung der Ziffer 8 und somit zweimal für den achten Buchstaben im Alphabet, also für HH, was wiederum ausgeschrieben „Heil Hitler“ bedeutet. Dabei wird auch darauf hingewiesen, daß die Quersumme von 88 exakt 16 ist, was wiederum AF und damit „Adolf Führer“ bedeutet, womit kabbalistisch nachgewiesen sei, daß Adolf Hitler seinen Führertitel nur der dezimalen Zahlenmystik sowie dem lateinischen A-B-C verdankt.

Das ist ein Grund, Rückschau zu halten: Vor 44 Jahren – man kann sich das kaum vorstellen – war der Stadtteil Berlin-Kreuzberg ein regelrechtes No-Go-Area für ausländische Mitgeschwister. [2] Es war die Zeit, als die an der Oder-Neiße-Friedensgrenze ansässige Wilhelm-Pieck-Stadt Guben vom imperialistischen Westberlin-Kreuzberg noch durch eine hohe Mauer getrennt war und es war auch die Zeit, als jenseits dieses antifaschistischen Schutzwalls im Westen noch vorwiegend Deutsche wohnten. Vor 44 Jahren dauerte es zudem nur noch 32 Jahre bis zur Hetzjagd von Guben, der bekannten Algerierhatz in einer Stadt, die sogar heute noch vorwiegend von Deutschen bewohnt ist, wenn auch diese vermehrt aus der tristen Plattenbaumetropole flüchten oder einfach in den Gebärstreik treten.

Dabei war Wilhelm-Pieck-Stadt Guben nicht immer eine öde Grenzstadt. Als der Kommunist Wilhelm-Pieck noch nicht lebte, wurde Guben vom Bestseller-Autor Theodor Fontane als „Perle der Lausitz“ bezeichnet; damals gab es dort weder Plattenbauten noch Ausländer noch Ausländerhatzen und noch weniger Skinheads. Aber das ist lange her, länger sogar als 2 mal 44 Jahre. Und nicht für alles ist Wilhelm Pieck verantwortlich, weshalb man es nach 1989 vorgezogen hat, ihn nicht weiter mit der Zusatzbezeichnung „Stadt Guben“ zu beleidigen, sondern seinen Kompost in Frieden ruhen zu lassen.

Wem ist es aber noch bekannt, daß gerademal eine Generation (heutzutage sind Generationen etwas länger als früher) vor den Gubener Hetzjägern Ausländer durch Berlin-Kreuzberg gejagt wurden? Durch Berlin-Kreuzberg, von echten Deutschen wohlgemerkt! Heute jagen sich dort nur noch Deutsche mit Migrationshintergrund gegenseitig, wobei mangels echter Deutscher diese Migrationshintergründler Täter und Opfer zugleich sein dürfen.

Es ist also Zeit, jenem mutigen Algerier zu gedenken, der sich nach der Colonialzeit bei der 83jährigen Oma seinen gerechten Anteil an der Entschädigung für das ihm zugefügte Leid abholen wollte, wobei sein Vorgehen schon damit gerechtfertigt ist, daß 83 gleich HC gleich „Hitlerclub“ bedeutet und die Quersumme 11 ist. Unfaßbar ist heute, daß er von den Jungnazis Frank und Werner durch die Straßen gejagt werden konnte und ihn die Polizei – die sowieso nur den Faschismus schützt – danach festnahm und mitsamt Matratze in seiner Zelle verbrannte, anstatt die jungen Skinheads dingfest zu machen.

Es war eben eine Zeit, da stand alles Kopf.


Weiterlesen »

Elite

Man kann nicht übersehen, daß eine Elite einer Masse gegenübersteht, die deutlich weniger privilegiert ist. Die Elitediskussion tut so, als sei der Zustand der Hochschulen nicht Folge von deren Vernachlässigung, sondern Folge des untauglichen Versuchs, das Recht auf Bildung gesellschaftlich zu realisieren.“ [1]
Prof. Dr. Dr. h. c. D. Niethammer


Wohlstand und Erfolg von Individuen oder Gemeinschaften stehen in stringenter Abhängigkeit zum Vorhandensein und zur Ausschöpfung von Begabungspotentialen. [2] Die Einsicht hierzu knüpft auch an die Frage der Ausgestaltung des Bildungswesen an: Führt kostenlose Bildung für Jedermann zu gesellschaftlichem Wohlstand oder zum Mißbrauch des Angebotes („Gammelstudententum“)? Fördert „Bildung als zu bezahlende Ware“ die Qualität der Lehre und das Engagement der Bildungswilligen? Wäre eine „Begabtenauslese“ um der Förderung des Wohlstandes und der wirtschaftlichen Produktion willen notwendig?

In einer Aufsatzsammlung der Pädagogen Theodor Ballauff und Hubert Hettwer zum Thema Begabung [3] aus dem Jahr 1967 gehen die Herausgeber auch auf den Problemkreis der Begabungstheorie ein, welcher die Diskussion um eine Elitebildung beziehungsweise um die Bildung der Elite umfaßt. Die Diskussion hierüber entbehre „innerhalb eines demokratischen Staatswesens nicht ganz der Peinlichkeit“. Es drehe sich hierbei „nicht so sehr um die Problematik der Ausleseverfahren als vielmehr um die Frage“, ob überhaupt unter dem Gesichtspunkt einer „Führungsauslese“ vorgegangen werden soll, welche den Großteil einer Gemeinschaft von der Bildung ausschließt.

Allerdings ist die Perspektive der Verfasser in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts noch jene des Schrebergarten-Blickes auf eine jahrtausendalte Kulturgemeinschaft, welche sich noch nicht in jener Phase befand, in der sich ein relativ traditionelles, beständiges Kollektiv in Individuen, divergierende Lebensentwürfe und Parallelgesellschaften auflöst:

Denn so sicher es zutrifft, daß Bildung einen mittelbaren wirtschaftlichen Effekt nach sich zieht, so kann sie dies doch nur, wenn sie als sie selbst angestrebt wird, nicht aber als Mittel für etwas, das sich weitgehend in seinem eigenen Zweck-Mittel-Kreis erschöpft. Nur weil es in der Bildung um Kunst, Wissenschaft, Philosophie, um das reine Glück der Erkenntnis und der Vollendung der Dinge geht, deshalb geben eines Tages die Erwachsenen viel Geld für eine Theaterkarte aus und erwarten ein entsprechendes Gebäude für diese Kunst, nur deshalb pflegen sie mit großen Kosten ihre Gärten, nur deshalb gibt es eine Porzellanmanufaktur, – deshalb sind vielleicht diese Menschen auch bereit, hohe Summen für die Verteidigung solcher ,Kultur’ auszugeben.

Nicht die Bildung dient der Wirtschaft, sondern diese wäre weder aufgekommen noch stände sie in Blüte ohne die Bildung. Alle haben heute an solcher Bildung Anteil. Sie ist weder exklusiv noch auf die Elite beschränkt. Vom Fernsehen bis zur Erwachsenenbildung im kleinsten Dorf erstreckt sich die Anteilgabe und Anteilnahme. Auch das heißt ,Begaben’. Der Aufgabe, hierzu anzuleiten und so dem einzelnen eine echte Lebenserfüllung zu ermöglichen, sind alle schulischen Einrichtungen heute in der Demokratie unterstellt.

Ballauff und Hettwer fordern daher, aus „einer modernen Begabungstheorie, die pädagogisch und politisch der modernen Welt entspricht“, die Elitebildung heraushalten. In einer Auseinandersetzung mit derartigen Intentionen führen sie zur Begründung einer Ausschaltung der Elitebildung mehrere Punkte auf, die nachfolgend kontextentzogen aufgegliedert sind:

1. ,Eliten’ sind immer ,geschichtlich’, das heißt: Erst durch den Verlauf der Geschichte wird es möglich, sie nachträglich zu bestimmen. Denn, so muß man wohl fragen:

2. Wer kennzeichnet Gruppen als Auslese, Elite, Führungsschicht? Wer wählt sie aus? Eine schon bestehende Elite? Diese Antwort würde nicht viel weiterhelfen, außerdem einem Kasten- und Standeswesen stärkster Ausprägung das Wort reden. Wer bildet die Elite heran? Wieder eine Elite? Sind Gymnasiallehrer etwa eine solche Elite?

3. Wer wollte sich selbst zur Elite rechnen oder seine Gruppe als solche bezeichnen, zum Beispiel Berufsgruppen oder gewisse Amtsträger? Jeder Erwachsene dürfte längst eingesehen haben, daß seine Begabung zugleich Begrenzung besagt. Wahre Bildung sollte ihn zu solcher Einsicht schon früh geführt haben; das erreicht allerdings Erziehung nur, wenn sie umfassend und anspruchsvoll ist. Solche Bildung muß Maß und Richtpunkt aller schulischen Einrichtungen werden.

4. ,Elitebildung’ im Sinne von Begabtenauslese bedeutet ,Masse-Bildung’; denn die nicht Auserwählten werden zur Masse der Unbegabten, Unerwählten. Sie werden degradiert. Was ihnen bleibt, ist Resignation oder Ressentiment.

5. Elite als maßgebliche ,Führungsschicht’ muß sich die Frage gefallen lassen, wer sie kontrolliert. Etwa sie sich selbst? Das würde zu einem höchst unerwünschten Konformismus innerhalb der Elite verleiten. Jeder muß sich bereit finden, zur Übernahme und Verantwortung gemeinsamer Aufgaben herangezogen zu werden, aber immer nur in einem wohl umschriebenen Kreis und damit in begrenztem Umfang. Wieweit er Verantwortung übernehmen und tragen kann, das wird von seiner Begabung abhängig sein; das zu ermessen, wird ihn seine Bildung lehren; dazu werden ihn seine Mitmenschen ausersehen, allerdings auch nur in den Grenzen des ihnen Ermeßlichen.

6. Beurteilungen einer Gruppe als Elite sind sehr relativ. Das preußische Offizierskorps war sicher, was Disziplin, Unterordnung, Emsatzbereltschaft und manches andere betrifft, Elite; hinsichtlich der Demokratie war es geradezu ihre Verhinderung, in diesem Sinn also negative Auslese der Nicht-Demokraten.

7. Begabtenauslese und Elitebildung bringen eine höchst unerwünschte Hierarchisierung mit sich; sie rufen unangemessene Ansprüche und Forderungen der ,Begabten’ hervor. Nun ist aber in der Demokratie niemand Herr oder Diener beziehungsweise Untertan, niemand aber auch Führer. Die Politiker, die Abgeordneten, Minister sind nicht ,meine Führer’; sie gehören auch nicht, solange sie wirken und im Amt sind, einer ,Führungsschicht’ an: Ihnen ist lediglich von uns allen ein hohes Maß von Verantwortung zuerkannt worden, um deren Übernahme sie sich beworben haben. Eine Hierarchie besteht deshalb keineswegs. Ob sie ihrer Verantwortlichkeit nachkommen, das wird sich zeigen und unterliegt – zum Beispiel bei jeder Wahl – der Beurteilung aller.

8. Elitebildung droht einen Autoritarismus und Absolutismus heraufzuführen, aus dessen Abwehr gerade die Demokratie entstanden ist. ,Führer’ nehmen die Verantwortung ab. Elite und Führungskorps würden die ,Drückebergerei’ vor sachlicher, sozialer und politischer Verantwortung unterstützen und die Verantwortungsabwehr fördern.

9. Jede Auslese trägt die Gefahr in sich, der Einseitigkeit Vorschub zu leisten. Das aber sollte in einem demokratischen Staat, in dem nicht ein Heer von Spezialisten von einer auf ,Politik’ spezialisierten Führung gelenkt wird, soweit und solange irgend möglich vermieden werden.

Wohlgemerkt, es handelt sich bei allen diesen Argumenten immer um die Aufgabenstellung und Zielsetzung innerhalb der Erziehung und Bildung. Daß es überall Leistungsspitzen und -eliten, Meister und Genies gibt, das soll gar nicht geleugnet werden; daß es überall zu solcher Vollendung in Wort, Werk und Tat kommt, dazu möchte Bildung Basis und Horizont bieten, aber sie kann das alles weder produzieren noch garantieren.

Ballauff und Hettwer drängen daher auf Begabungsförderung, nicht auf Begabtenauslese. Das schlösse nicht aus, daß die ,sehr Begabten’ dieselbe Förderung erfahren wie die ,weniger Begabten’, allerdings in dem jeweilig passenden Rahmen. Dem wäre mit einem differenzierten Aufbau des Bildungswesens Rechnung zu tragen.

Weiterlesen »