
Für tiefgründigere Beobachter von Menschheitsentwicklungen war auch im Jahr 1919 nicht neu, was Oswald Spengler in seinem kulturphilosophischen Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ [2] zusammenfaßte, einem vielseitigen und ausschweifenden Werk, in welchem selbst Theodor Adorno Grundlagen für seine Thesen über Massenkultur und Parteienorganisation gefunden haben soll. Schon daß dieses Buch überhaupt geschrieben, abgelehnt oder angenommen, zumindest heiß diskutiert wurde, offenbarte den Wandel einer aus vormals tatenfrohem Selbstverständnis heraus handelnden Kulturgemeinschaft zu einer intellektualisierten Masse. Die Situation war zwar analysiert, aber bis heute kein zukunftsfähiger Ausweg gefunden.
Neunzig Jahre nach Spenglers Vorschau der Abendröte frohlockte die leitende RedakteurIn der überaus renommierten Süddeutschen Zeitung, Susanne Schneider, dem Niveau ihrer Klientel entsprechend: „Über Jahrhunderte hinweg hat der weiße Mann die Welt mit viel paffpaff und bummbumm an den Rand des Ruins regiert. Es wird Zeit, dass andere die Macht übernehmen.“ Die VerfasserIn wollte während des Amtseides des neuen US-Präsidenten Barack Obama sogar „unhörbar und dennoch unmißverständlich“ einen Subtext vernommen haben, „der sagte: ,Hiermit beende ich die Herrschaft des weißen Mannes’. Genau so wird es kommen. Das Prinzip ,Weißer Mann’, das zeigt die jüngste Geschichte, hat auf fast allen Gebieten abgewirtschaftet.“ [3] Nicht nur solche Jubelorgien sind es wohl, welche dem konservativen Verleger Götz Kubitschek den Stoßseufzer entlocken: „Dass der Mensch sich einmal selbst bei lebendigem Leibe kompostieren würde: Das schockiert mich immer wieder.“ [4]
Während Fräulein Susanne Schneider die Beweise für den Untergang des Abendlandes auf ihrer Ebene findet: „Der weiße Mann muss nicht nach China und Indien schauen, um zu sehen, dass dort die Zukunft liegt. Wem ein letzter Beweis fehlt, der sollte seinen Blick im Moment nach Australien richten: Im ,Dschungelcamp’ sind nämlich bisher nur Männer rausgewählt worden.“, gibt es sicherlich auch Stimmen, welche in geschmacklichen Entartungen wie den massenmedialen, voyeuristischen Inszenierungen wie den „Dschungelcamps“ selbst Niedergangserscheinungen festzustellen vermeinen.
Aktuell haben zwei Professoren den Abgesang Europas von der weltpolitischen Bühne recht nüchtern konstatiert. So sieht der Publizist und Auslandskorrespondent Prof. Dr. Peter Scholl-Latour die Machtfrage eng verbunden mit der materiellen Verfügungsgewalt über Menschen und Kontinente: „Vor genau fünfhundert Jahren hat die portugiesische und damit die europäische Expansion begonnen. … Heute ist Portugal ein kleiner Staat am Rande Europas, damals aber signalisierte sein koloniales Ausgreifen den Anbruch der Weltherrschaft des weißen Mannes. Diese geht nun zu Ende. Heute gibt es so gut wie keine europäischen Besitzungen mehr in Übersee.“ Auch USA und Nato würden das Machtvakuum nicht füllen, „denn tatsächlich ist die westliche Militärmacht längst durch weltweite Einsätze überfordert.“
Der „lange Frieden“ vor dem schlußendlichen Untergang der abendländischen Zivilisation habe seinen Preis, denn: „Den Europäern, Amerikanern und Russen droht ja bis auf weiteres keine kriegerische Eroberung, sondern eine demographische Unterwanderung.“ Auf die Frage, ob die Welt nach dem „Ende des weißen Mannes“ besser oder schlechter sein wird, zeichnet Scholl-Latour ein pessimistisches Bild: „Vermutlich war die bislang vorherrschende amerikanische Hegemonie relativ leicht zu ertragen, angesichts der Machtansprüche, die in Zukunft auf die Europäer zukommen.“ [5]
Die materielle Verfügungsgewalt ist eine Kehrseite, die psychische Verfügungsgewalt gerät ebenfalls ins Wanken. Die ideologischen Grundsätze der westlichen Massenkultur, wie etwa „universelle Menschenrechte“ oder das „Recht jedes Individuums auf Selbstbestimmung“, werden in dynamischen Strukturen verneint. Auf längere Sicht haben solche Gemeinschaften einen Überlebensvorteil, was eine Feststellung philosophischer Natur ist, da die langfristige und spirituelle Sicht auf alle Aspekte des Lebens für den im Hier und Jetzt verhafteten Homo metropolis sowieso belanglos ist und bestenfalls Unterhaltungswert besitzt.
Der Philosoph und Historiker Prof. Dr. Timo Vihavainen stellt für Europa ein Schwinden dessen fest, was Scholl-Latour für die orientalische Konkurrenz eine „extrem dynamische islamische Revolution“ nennt: „Es ist ein Mißverständnis zu glauben, daß die Masseneinwanderung an sich zur Vernichtung des Westens führen würde. Sie ist vielmehr eine Folge unserer Selbstaufgabe. … Damit allerdings sind wir natürlich Herausforderungen von außen wie etwa die Einwanderung so preisgegeben wie eine sturmreife Festung. Der Kern des Problems ist, daß wir Europäer unsere Tugenden verloren haben, indem wir unsere Kultur durch eine Zivilisation des Konsums ersetzt haben.“ [6]
Wie aber definiert Vihavainen den Kulturbegriff? „Kultur ist das Bestreben einer Gesellschaft nach dem ,Wahren, Schönen und Guten’… Dieses über uns selbst hinausweisende Streben wurde in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg durch eine narzißtische und nihilistische Haltung ersetzt, die alles nur nach dem eigenen Nutzen und Genuß beurteilt. Folge dessen ist auch der Verlust des Interesses am Fortbestand unseres Gemeinwesens. … Der Westen hat sich sein eigenes Grab geschaufelt, in das er nun ganz langsam hineinsinkt.“ Die Einwanderung sei „Folge des Verlusts unseres Realitätssinns, unseres Desinteresse am Politischen und der Vorstellung, es ginge nur darum, daß jeder einzelne sich selbst verwirklicht. … Am Ende schließt sich der Kreis: Die Einwanderer beginnen uns ihre Werte zu diktieren statt andersherum.“
Das Wertediktat wird tatsächlich von Dekade zu Dekade wahrnehmbarer: Als Gastarbeiter sollten die gegen den Willen der Einheimischen Zwangsimportierten während Aufenthaltsdauer die Nationalwirtschaft stärken, als politisch Verfolgte sowieso bald wieder in ihre Heimat zurückkehren, als Kulturbeglücker die Urbevölkerung mit Multikulti segnen, sich bald darauf als ausländische Mitbürger in die Mehrheitsgesellschaft integrieren, um dann als xxx-Deutsche mit Migrationshintergrund besondere Rücksicht verlangen zu dürfen… Paradigmenwechsel am laufenden Bande, schleichend und innerhalb der Informations- und Reizüberflutungen kaum wahrnehmbar. Tatsächlich fordern einige Administratoren der neuen Parallelgesellschaften längst Partizipation statt Integration und träumen von der geistig-biologischen Machtübernahme.
Vihavainens Kulturbegriff ist hingegen diffus, denn der barbarische Krieger wird „Schönheit und Wahrheit“ anders empfinden, als sie der intellektualisierte Homo metropolis definiert und schematisiert. Der eigene Nutzen und Genuß war schon immer Triebfeder menschlichen Verhaltens, ob in menschlicher Kultur oder menschlicher Zivilisation. Es ist aber so, daß die Stärke einer Gruppe nicht nur in ihrer Kopfmenge (Quantität) liegt, sondern in der Form ihres Zusammenhaltes, welcher wiederum von Elementen umfaßt wird, die unter dem Begriff „Kultur“ (Qualität) zu subsumieren wären. Eine zur Macht strebende Gruppe muß sich zwangsläufig gemeinschaftsbildende Elemente verschaffen und die individuelle Freiheit an der Garderobe des Kollektivs abgeben, um schlagkräftig zu werden.
Der machthabenden Gruppe, die ihren Aufstieg einst ebenso einer gemeinschaftsbildenden Kultur verdankte, entgleiten diese Elemente, wenn in ihr über satte Generationen Vermassung und Individualisierung bis zur Auflösung gleichermaßen um sich greifen. Wenn die kulturelle Bindung von den freien Individuen als unnütze Last und beschränkende Fessel empfunden wird, löst sich die Kultur in einer gesichtslosen Zivilisation auf, in welcher die Masse aus vielen Ich’s besteht. Wo der Mensch zum Verbraucher wird, ist für Kultur kein Platz.
Kultur ist also nicht etwas, das ausschließlich in der Vergangenheit zu suchen wäre, etwa in folkloristischer Form von Sepplhosen oder Barockkirchen. Das mag Sichtweise eines alten Volkes sein. Kultur als überliefertes Ordnungsgefüge kann sicherlich in ihren Ritualen schön sein, wie Prof. Vihavainen schwärmt, sie tritt aber als gemeinschaftsbildendes Element einer kulturfähigen Gruppe immer als Konkurrenz zu einer anderen Gruppe auf. Sie kann somit auch töten und barbarisch sein.
Wie wird die Rückkehr der entflochtenen Individuen zu einer Gemeinschaft vonstatten gehen, wenn auch in den abendländischen Gemeinschaften Notsituationen kollektives Handeln erfordern? Durch eine cäsaristische Diktatur? Durch eine neue, okkupierende Kultur? Sicher ist nur, daß nichts so bleibt, wie es ist.
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